1. Wenn die Wahrheit plötzlich unerwünscht wird
Es gibt Momente im Berufsleben, die sich einprägen, weil sie so deutlich zeigen, was in einer Organisation schiefläuft.
Ich erinnere mich an eine Projektsteuerungs-Sitzung in einem meiner früheren Unternehmen. Das Team hatte über Wochen an einem komplexen energiewirtschaftlichen Konzept gearbeitet. Die Analysen waren sauber, die Fakten klar, die Folgerungen eindeutig - aber leider auch wenig erfreulich:
Das Konzept würde weder kurzfristig noch auf absehbare Zeit wirtschaftlich funktionieren.
Es war eine unbequeme Wahrheit, aber eine klare. Denn es war gerade das Ziel des Projekts, nicht nur ein innovatives Konzept zu sein, sondern auch einen wirtschaftlichen Beitrag zu leisten. Wenn letzteres nicht geht, wäre es sinnvoll gewesen, das frühzeitig anzuerkennen und gemeinsam zu überlegen, ob und wie es ggf. dennoch weitergehen kann.
Dann passierte aber etwas, das ich nie vergessen habe. Ein Vorstand - ranghöchster Vertreter im Raum - sah sich die Ergebnisse an und sagte:
„Das kann ja wohl nicht sein. Solche Informationen dürfen auf keinen Fall diesen Raum verlassen. Das gefährdet komplett unsere externe Kooperation.“
Ich weiß noch genau, wie die Stimmung kippte. Betretenes Schweigen. Verunsicherung. Fast so, als hätten die Projektteilnehmer etwas falsch gemacht. Dabei hatten sie nur eines getan: ihren Job.
2. Beschönigung tötet Kultur - sofort
Mir war in diesem Moment klar: Hier läuft etwas fundamental falsch. Denn wenn in einer Organisation Dinge nicht mehr ausgesprochen werden dürfen, verliert man nicht nur Fakten - man verliert Vertrauen.
Beschönigung hat mindestens drei unmittelbare Folgen:
- Sie verzerrt Entscheidungen. Wenn die Wahrheit nicht mehr gesagt werden darf, kann niemand gute Entscheidungen treffen.
- Sie zerstört Verantwortungsgefühl. Warum sollte jemand Verantwortung übernehmen, wenn Klarheit bestraft wird?
- Sie frisst Kultur von innen heraus. Offenheit stirbt nicht langsam; sie stirbt sofort, in genau dem Moment, in dem Wahrheit unerwünscht wird.
Und eines ist sicher: Unbequeme Realitäten lassen sich verzögern, aber niemals wegreden. Sie kommen immer ans Licht. Die Frage ist nur, wie viel Vertrauen bis dahin verloren geht.
3. Warum Beschönigung so verführerisch ist
In Unternehmen wird nicht aus Bosheit beschönigt. Sondern aus Angst.
Angst vor Reputationsschäden. Angst vor Konflikten. Angst, schlechte Nachrichten zu überbringen. Angst, etwas „kaputt zu machen“. Angst vor den negativen wirtschaftlichen Konsequenzen.
Doch Führung bedeutet, genau das auszuhalten. Und nicht zuzulassen, dass politische Rücksichtnahme wichtiger wird als Realität.
4. Die Wahrheit als Führungsinstrument
Starke Führung erkennt:
- Wahrheit ist kein Risiko, sondern eine Grundlage.
- Klarheit ist kein Angriff, sondern ein Dienst an der Organisation.
- Offenheit ist kein Luxus, sondern die Voraussetzung für Zusammenarbeit.
Gute Führungskräfte wollen nicht „gute Stimmung“, sondern gute Entscheidungen. Beides entsteht nur, wenn die Realität unverfälscht auf den Tisch kommt.
5. Mein Impuls
- Wo wird in deinem Umfeld beschönigt - aus Angst, aus Harmoniebedürfnis oder aus politischer Vorsicht?
- Welche Wahrheiten müssten eigentlich ausgesprochen werden - werden aber kollektiv weggeschoben?
- Und was würde passieren, wenn man sie trotzdem ausspricht?
Denn eine Kultur kann vieles aushalten, aber keine Unehrlichkeit. Beschönigung wirkt leise, aber tödlich. Klarheit wirkt manchmal hart, aber sie heilt.