1. Entwicklung beginnt mit echter Perspektivübernahme
In den letzten Ausgaben dieser Serie ging es um klassische Lernfelder auf dem Weg zur echten Führungskraft: loslassen, nicht alles kontrollieren, klar kommunizieren und individuell führen. Heute folgt zum Abschluss Platz 1 und damit die Goldmedaille auf dem Siegerpodest der echten Führung. Das heutige Thema geht noch einmal tiefer und verändert die Rolle von Führung grundlegend.
Menschen zu entwickeln - oder besser - ihnen Entwicklung zu ermöglichen, heißt nicht, sie besser zu steuern. Es heißt, sich wirklich in sie hineinzuversetzen.
Wer entwickelt, fragt nicht nur: Was muss diese Person heute leisten? Sondern vor allem: Was würde sie langfristig weiterbringen? Was passt zu ihren Fähigkeiten, ihren Interessen, ihren Zielen? Und was braucht sie, um dorthin zu kommen?
2. Anleitung organisiert Arbeit; Entwicklung gestaltet Biografien
Viele Führungskräfte bleiben beim Anleiten stehen. Ziele setzen, Aufgaben verteilen, Ergebnisse einfordern. Das ist notwendig, aber es ist nicht das, was Menschen prägt.
Entwicklung beginnt dort, wo Führung persönlich wird. Nicht privat, aber menschlich. Dort, wo man bereit ist, den individuellen Weg eines Menschen ernst zu nehmen und zwar auch dann, wenn er nicht der bequemste für die Organisation ist. Auch dann, wenn man zunächst "nur investiert" und nicht sicher weiß, ob man selbst oder das eigene Unternehmen die Früchte überhaupt noch selbst ernten oder überhaupt miterleben wird. Ein unsicheres Investment, das deshalb zu selten getätigt wird.
Ich erinnere mich sehr gut an eine solche Situation aus meiner eigenen Laufbahn.
3. Ein prägendes Führungsbeispiel
Vor vielen Jahren stellte mir mein damaliger Vorgesetzter genau die für jede persönliche Entwicklung entscheidenden Fragen: Wo willst du hin? Was treibt dich an? Was fehlt dir noch?
Im Gespräch erzählte ich ihm, dass ich ursprünglich eine Promotion angestrebt hatte. Ich hatte sogar bereits eine Dissertation begonnen, mich dann aber für den sicheren und einfacheren Weg entschieden: Referendariat, Vollzeitjob, akademische Ambitionen begraben. Ich hatte das Gefühl, dass mich eine vertiefte wissenschaftliche Arbeit zwar langfristig weiterbringen, mir die nötige intellektuelle Tiefe geben würde, es aber nun zu spät und zu aufwendig sei.
Seine Reaktion hat mich überrascht und geprägt. Er sagte: „Das sehe ich anders. Das sollten wir möglich machen.“
Und er meinte es ernst.
Er unterstützte mich bei der Suche nach einem Doktorvater und einem Thema. Er schuf über Jahre hinweg die Rahmenbedingungen, damit ich neben dem Job an meiner Dissertation arbeiten konnte. Er begleitete mich auf diesem Weg, motivierte mich, fragte nach und blieb dran - bis zum erfolgreichen Abschluss der Promotion.
Das war kein Bonus. Das war exzellente Führung und ich werde ihm dafür immer dankbar sein.
4. Entwicklung ist anstrengend und genau deshalb so wirksam
Menschen zu entwickeln, kostet Zeit, Aufmerksamkeit und manchmal auch Mut. Es bedeutet, individuelle Wege zu ermöglichen, statt alle gleich zu behandeln. Es bedeutet, nicht nur kurzfristige Leistung zu optimieren, sondern langfristiges Potenzial.
Viele Führungskräfte scheuen genau das - oft unbewusst. Denn Entwicklung ist weniger planbar als Anleitung. Weniger effizient im Hier und Jetzt. Aber sie wirkt nachhaltig.
Wer diesen Schritt nicht geht, bleibt oft im Modus des ständigen Nachsteuerns. Wer ihn geht, baut Teams auf, die selbstständig wachsen.
5. Mein Impuls
Wann hast du zuletzt mit jemandem aus deinem Team darüber gesprochen, wo er oder sie in drei oder fünf Jahren stehen möchte? Wessen Entwicklung behandelst du gerade wie ein „Nice-to-have“, obwohl sie eigentlich Kern deiner Rolle ist? Und wer hat dich selbst in deiner Laufbahn wirklich entwickelt und nicht nur geführt?
Denn echte Führung zeigt sich nicht darin, wie gut Prozesse laufen. Sondern darin, wie sehr Menschen durch sie wachsen.