1. Eine alte Redewendung neu bestätigt
„Hunde, die bellen, beißen nicht.“
Eine alte Redewendung, die man oft hört und meistens nicht weiter hinterfragt. Sie ist eigentlich eine Metapher für leere Drohungen. Noch stärker verallgemeinert könnte man auch sagen: Wer besonders viel Aufhebens um sich macht und lautstark ist, wird davon meistens wenig in die Tat umsetzen. In der letzten Woche habe ich die so verstandene Auslegung in einem ganz anderen Kontext wieder bestätigt bekommen.
Ich habe eine Wohnung zur Vermietung inseriert. Wie in einer Großstadt zu erwarten, gab es sehr viele Anfragen. Ähnlich wie im Executive Search habe ich versucht, mir von möglichst vielen Interessenten ein persönliches Bild zu machen und viele Besichtigungstermine vereinbart.
Vorab wollte ich nur sehr wenig von den Interessenten wissen, lediglich die wichtigsten Eckdaten: gewünschtes Einzugsdatum, Anzahl der Personen, die dort wohnen wollen etc.
Und dann zeigten sich zwei sehr unterschiedliche Verhaltensmuster.
2. Die Lauten und die Leisen
Etwa die Hälfte der Interessenten antwortete kurz, präzise und sachlich. Meine Fragen wurden beantwortet, der Termin zur Besichtigung vereinbart. Das war´s.
Die andere Hälfte ging einen anderen Weg: hohe Gehälter wurden betont, überdurchschnittliche Zahlungsbereitschaft signalisiert, eine Jahresmiete im Voraus angeboten, ausführliche Selbstbeschreibungen geliefert. Alles nachvollziehbar: in einem angespannten Markt versucht man, sich sichtbar zu machen und aus der Menge der Interessenten hervorzustechen.
Interessant wurde es im nächsten Schritt:
Ausnahmslos alle, die sich im Vorfeld besonders stark „verkauft“ hatten, sagten die Besichtigung (oft sehr kurzfristig) ab oder erschienen nicht zum Termin oder kamen zwar, waren aber erkennbar nicht ernsthaft interessiert.
Die ruhigeren, präziseren Anfragen hingegen waren fast durchgehend verlässlich. Und genau aus dieser Gruppe kamen am Ende auch die Mieter.
3. Was steckt dahinter?
Die Beobachtung ist nicht neu, aber sie ist bemerkenswert klar: Wer viel signalisiert, hat oft weniger Substanz. Wer ruhig ist, hat oft nichts zu beweisen. Natürlich ist das keine Regel ohne Ausnahme. Aber als Muster ist sie erstaunlich stabil.
Eine mögliche Erklärung: Starke Selbstinszenierung entsteht häufig dort, wo Unsicherheit besteht. Wo man versucht, etwas zu kompensieren. Wo Wirkung erzeugt werden soll, bevor Substanz sichtbar ist.
Ruhige, präzise Kommunikation dagegen ist oft ein Zeichen von Klarheit. Von Selbstverständnis. Und von Verlässlichkeit.
4. Was das mit Führung und Organisationen zu tun hat
Dieses Muster findet sich nicht nur auf dem Wohnungsmarkt. Ich erlebe es regelmäßig in der Arbeit mit Führungskräften und Kandidaten: Diejenigen, die sich am stärksten inszenieren, sind nicht zwangsläufig die, die später liefern. Und diejenigen, die ruhig, klar und unaufgeregt auftreten, sind häufig die, auf die man sich verlassen kann.
Das gilt auch für Organisationen: Kulturen, die stark auf Sichtbarkeit, Selbstdarstellung und interne „Lautstärke“ setzen, laufen Gefahr, Außenwirkung mit Substanz zu verwechseln.
5. Mein Impuls
Wann orientierst du deine Entscheidungen an Lautstärke und wann an Substanz?
Wer in deinem Umfeld wird besonders sichtbar und wer besonders wirksam?
Und wo verwechselst du vielleicht selbst gute Darstellung mit echter Qualität?
Denn selten gilt, dass die Verlässlichsten am meisten auffallen. Aber erstaunlich oft gilt: Die, die am meisten auffallen, sind nicht die Verlässlichsten.