1. Wissen ist selten das Problem
In Gesprächen mit Führungskräften erlebe ich ein wiederkehrendes Muster: Die wesentlichen Entwicklungen und Herausforderungen im Unternehmen zeichnen sich frühzeitig ab und werden erkannt. Daraus lassen sich die erforderlichen Entscheidungen oft erstaunlich früh ableiten. Nicht im Detail. Nicht in jeder Konsequenz. Aber in der Richtung.
Und trotzdem werden sie oft nicht getroffen. Oder zumindest nicht rechtzeitig. Wissen ist selten das Problem. Handeln ist es.
2. Wenn zu spät nicht nur ineffizient, sondern absurd wird
Ein besonders drastisches Beispiel aus meiner Beratung:
Bei einem schnell wachsenden E-Commerce-Unternehmen war intern nach dem Corona - Boom und dem anschließenden Einbruch des Geschäfts längst klar, dass eine Restrukturierung notwendig ist. Die wirtschaftliche Entwicklung ließ keinen anderen Schluss zu. Die Planungen für einen signifikanten Stellenabbau waren bereits weit fortgeschritten.
Und trotzdem passierte parallel etwas anderes: Es wurden weiter neue Führungskräfte eingestellt. Mit hohem Aufwand. Mit Signing Boni. Um sie kurze Zeit später wieder freizusetzen.. Der Hiring-Prozess wurde einfach fortgesetzt. Aus irgendeinem Grund konnte sich niemand der Verantwortlichen durchringen, den Talent Acquisitions Teams frühzeitig das Signal zur Umkehr zu geben.
Eine Situation, die in ihrer Konsequenz kaum erklärbar ist. Denn jeder verantwortliche Unternehmer würde in einem solchen Moment als Erstes eines tun: Neueinstellungen sofort stoppen.
Warum das hier nicht passiert ist, lässt sich im Nachhinein kaum noch rational begründen. Aber das Muster dahinter ist nicht ungewöhnlich: Die eigentliche Entscheidung bzw. deren Umsetzung und Kommunikation werden hinausgezögert und solange sie nicht offiziell getroffen ist, läuft das System einfach weiter.
3. Das gleiche Muster im anderen Kontext
Weniger drastisch, aber genauso häufig, erlebe ich ein ähnliches Verhalten im Coaching von Geschäftsführungen.
In Gesprächen wird oft sehr klar, wie sich Organisationen weiterentwickeln sollten: Welche Rollen nicht mehr passen. Wo neue Kompetenzen gebraucht werden. Welche Strukturen verändert werden müssen. Und welche Führungskräfte ganz konkret mehr Verantwortung übernehmen sollten oder umgekehrt auf ihrer aktuellen Rolle eine Fehlbesetzung sind.
Die Erkenntnisse sind da. Die Notwendigkeit ist klar. Am Ende frage ich dann: Und wann setzt ihr das um? Die Antwort lautet nicht selten: In ein oder zwei Jahren.
Das überrascht mich immer wieder. Denn die eigentliche Frage ist: Was genau spricht dagegen, die notwendigen Entscheidungen jetzt zu treffen und den Prozess der Transformation sofort zu starten?
4. Warum wir zögern, obwohl alles klar ist
Die Gründe sind fast immer die gleichen:
- Man möchte niemanden vor den Kopf stoßen
- Man ist sich nicht zu 100 % sicher
- Man sieht Risiken
- Man hofft, dass sich Dinge vielleicht auch von selbst lösen
- Man scheut die Kommunikation mit den von der Entscheidung betroffenen Menschen
Alles nachvollziehbar. Und menschlich. Aber genau darin liegt das Problem: Die Kosten des Zögerns werden systematisch unterschätzt.
Organisationen arbeiten weiter in Strukturen, von denen alle wissen, dass sie nicht mehr passen. Menschen bleiben in Rollen, die sie nicht ausfüllen können oder wollen. Energie wird gebunden, die an anderer Stelle dringend gebraucht würde.
Und mit jedem Monat wird die spätere Entscheidung schwieriger - nicht leichter.
5. Führung zeigt sich im Zeitpunkt der Entscheidung
Gute Führung zeigt sich nicht nur darin, was entschieden wird. Sondern vor allem darin, wann.
Zu früh zu entscheiden kann riskant sein. Zu spät zu entscheiden ist es fast immer.
Denn wenn die Richtung einmal klar ist, wird Abwarten selten zur besseren Option. Es wird nur zur bequemeren.
6. Mein Impuls
Welche Entscheidung in deinem Verantwortungsbereich ist eigentlich schon getroffen - nur noch nicht ausgesprochen?
Wo weißt du längst, was zu tun wäre, schiebst es aber vor dir her?
Und was kostet dich dieses Zögern - heute und in Zukunft?
Denn gute Entscheidungen erkennt man nicht nur daran, dass sie richtig sind. Sondern auch daran, dass sie rechtzeitig getroffen werden.