1. Die paradoxe Sache mit der freien Zeit
In meiner Arbeit als Personalberater begegne ich regelmäßig Menschen, bei denen eine berufliche Station endet und ein neuer Abschnitt noch nicht begonnen hat. Eigentlich eine seltene Chance: Zeit zum Durchatmen. Zeit zu reisen. Zeit, Dinge zu tun, für die sonst nie Raum ist. Zeit, die man zuvor herbeigesehnt hat und die jetzt endlich da ist.
Eigentlich ein Moment des Glücks, der Chance zur Neuorientierung. Und doch passiert häufig das Gegenteil. Es entstehen Unruhe, Zukunftsängste und Anspannung. Viele Menschen können diese Zeit kaum genießen - selbst dann nicht, wenn sie finanziell abgesichert sind. Schon bevor der Freiraum eintritt, bereitet diese Phasen vielen mehr Sorge als Glück. Nicht, weil ihnen Ideen fehlen, was sie in der Zeit alles machen könnten, sondern weil ihnen etwas anderes fehlt: eine klare Vorstellung davon, wie es danach weitergeht.
2. Wenn ein ganzes Jahr nicht zur entspannten Auszeit wird
Der eindrücklichste Fall, den ich erlebt habe, war ein Manager, der aufgrund einer Umstrukturierung aus einem Unternehmen ausgeschieden ist. Er erhielt nach seinem Ausstieg zwölf Monate Gehalt weiter plus eine Abfindung. Rein objektiv also ein ganzes Jahr Zeit, sich neu zu orientieren und für ganz viel anderes. Mit der Familie und seinen drei Kindern gab es zudem genug Möglichkeiten, diese Zeit sinnvoll und schön zu gestalten.
Und doch sagte er mir später: Er habe keinen einzigen Tag wirklich genießen können. Die Sorge, keinen neuen Job zu finden, habe die gesamte Zeit überschattet. Am Ende fand er eine neue Position und zwar exakt zum 1. Januar des folgenden Jahres. Alles ging gut aus.
Aber das Jahr selbst war im Grunde verloren. Nicht weil er nichts tun konnte, sondern weil er es innerlich nicht genießen konnte.
3. Wenn selbst ohne wirtschaftlichen Druck die Unruhe bleibt
Man könnte sagen: In diesem Fall war die Sorge verständlich. Schließlich hing sein Lebensstandard und der seiner Familie von einem neuen Job ab. Doch ich habe ein sehr ähnliches Muster auch bei Menschen gesehen, bei denen wirtschaftlicher Druck kaum eine Rolle spielt:
Ein Freund von mir war viele Jahre Kommunalpolitiker. Nach 15 Jahren entschied er sich bewusst, nicht erneut für sein Amt zu kandidieren. Da war er noch keine 50 Jahre alt. Die Besonderheit: Die Pension wäre direkt mit dem Austritt aus dem Amt gezahlt worden, nicht erst bei Erreichen des üblichen Rentenalterns; außerdem verdiente seine Frau ebenfalls gut. Was liegt in einer solchen Situation näher als eine (ausgedehnte) Auszeit. Eigentlich die perfekte Situation, um einmal bewusst innezuhalten.
Trotzdem nahm er direkt eine neue Perspektive für ein anderes Amt an - ohne Pause. Als ich ihn fragte, warum, nannte er viele Gründe: Die Gelegenheit sei jetzt da gewesen. Wer wisse, wann wieder etwas Passendes komme. Und außerdem sei er noch zu jung, um gar nichts zu machen.
4. Warum uns Ungewissheit so schwerfällt
Interessant wurde es, als ich später seine Frau fragte, wie sie die Entscheidung fand.
Sie sagte: „Ich finde es gut, dass er das jetzt macht. Seitdem ist er viel entspannter.“
Das ist bemerkenswert. Denn objektiv hatte er keinen Grund, je unentspannt zu sein. Und was war passiert, dass es ihm jetzt wieder besser ging? Der entscheidende Punkt: Er hatte wieder einen Plan. Die Zukunft und seine Perspektive waren plötzlich wieder klarer.
Offenbar steckt tief in uns ein Bedürfnis nach Orientierung. Nach einem Gefühl von Richtung. Nach der Sicherheit, zu wissen, wie es weitergeht. Nichtstun ist für viele Menschen nicht deshalb schwierig, weil sie nichts mit sich anzufangen wissen, sondern weil sie nicht wissen, wohin es danach führt.
5. Auszeiten gelingen nur bewusst
Gerade deshalb lohnt es sich, über diese Mechanismen nachzudenken. Wer eine Auszeit nimmt, muss nicht nur Zeit haben, sondern auch innerlich akzeptieren, dass die Zukunft offen sein kann. Viele Menschen versuchen, diese Offenheit sofort wieder zu schließen. Mit einem Plan. Mit einer neuen Rolle. Mit der nächsten Aufgabe. Dabei liegt der eigentliche Wert einer Auszeit oft genau im Gegenteil: im bewussten Nicht-Wissen.
6. Mein Impuls
Wann hattest du zuletzt eine Phase, in der du noch nicht wusstest, wie es weitergeht?
Konntest du diese Zeit als Chance erleben oder war sie vor allem von Unruhe geprägt?
Und wenn du heute eine Auszeit nehmen würdest: Könntest du sie genießen, ohne schon zu wissen, was danach kommt?
Denn manchmal ist die größte Herausforderung nicht, etwas Neues zu beginnen. Sondern auszuhalten, dass noch offen ist, was als Nächstes kommt.