1. Wenn Loyalität zur Belastung wird
Loyalität gilt in vielen Unternehmen als eine der größten Tugenden. Wer loyal ist, gilt als integer, verlässlich, teamorientiert. Doch manchmal ist Loyalität auch eine Falle - besonders für Menschen, die Verantwortung tragen.
Ich erinnere mich an einen Kollegen aus einer meiner früheren Stationen in einem großen Unternehmen. Er war wie ich Bereichsleiter, direkt unterhalb der Geschäftsführung. Ein großartiger Mensch: klug, fleißig, integer, vertrauenswürdig und beliebt bei seinem Team. Einer, der nie laut wurde, der Verantwortung übernahm, der für seine Leute einstand. Und einer, der immer loyal blieb - zu seinem Team, zur Geschäftsführung, zum Unternehmen.
Doch genau das wurde ihm zum Verhängnis: Sein Bereich wurde ständig umstrukturiert, Projekte gestoppt, Prioritäten geändert. Entscheidungen aus der Geschäftsführung rieben ihn und sein Team auf. Ich sah, wie er litt - innerlich und körperlich. Trotzdem blieb er. Weil er das Gefühl hatte, im Stich zu lassen, wenn er ging.
2. Wenn Loyalität zur Selbstaufgabe wird
Ich habe ihn für sein Durchhaltevermögen bewundert und gleichzeitig sehr mit ihm gelitten. Denn es war offensichtlich: Viele profitierten von seiner Loyalität. Sein Team, seine Chefs, das Unternehmen. Nur einer tat es nicht: er selbst.
Loyalität kann zur Form von Selbstverleugnung werden. Man bleibt, obwohl man längst spürt, dass die Situation einen zermürbt. Man schützt andere, aber niemand schützt einen selbst.
3. Das bittere Ende der Loyalität
Was ich in den Jahren danach immer wieder gesehen habe: Loyalität wird selten belohnt. Wenn man nach Jahren des Engagements kündigt oder gekündigt wird, zählt die lange Zugehörigkeit oft erstaunlich wenig. Kaum ist jemand weg, werden Projekte neu verteilt, Strukturen verändert, Positionen neu besetzt, nach dem Motto: „Neue Besen kehren gut.“ Und der bis dahin freundschaftliche Kontakt zu vielen Kollegen bricht jäh ab.
Das ist nicht zynisch, sondern schlicht Realität. Unternehmen müssen sich weiterentwickeln. Aber es zeigt auch: Loyalität ist kein Garant dafür, dass man langfristig Wertschätzung zurückbekommt. Wer aus reinem Pflichtgefühl bleibt, verliert oft doppelt: erst Energie, dann Bedeutung.
4. Echte Loyalität braucht Klarheit
Ich habe aus dieser Zeit gelernt: Loyalität ist kein Wert an sich. Erst mit Klarheit wird sie zu einer Haltung, die trägt.
Loyalität ohne Klarheit führt in die Erschöpfung. Klarheit ohne Loyalität führt in die Kälte. Die Balance entsteht, wenn man ehrlich prüft, wofür, zu was und warum man loyal ist - für Menschen, Werte, eine gemeinsame Vision? Oder einfach nur zu einem System, das man eigentlich längst nicht mehr unterstützen möchte.
5. Was das für Führung bedeutet
Auch Unternehmen müssen lernen, Loyalität nicht mit blinder Gefolgschaft zu verwechseln. Manche halten zu lange an Mitarbeitenden fest, nur weil sie loyal waren, nicht, weil sie noch die Richtigen in der aktuellen Rolle sind. Und manche Mitarbeitende bleiben, weil sie glauben, Loyalität schulde man denen, die man mag. Aber wahre Loyalität heißt, das Richtige zu tun, auch, wenn es schwerfällt.
6. Mein Impuls
- Wozu bist du loyal und wozu nicht mehr?
- Dient deine Loyalität der Entwicklung oder verhindert sie sie?
- Wann wäre Ehrlichkeit die größere Form der Loyalität?
Denn Loyalität ohne Klarheit kann bewundernswert sein - aber sie ist selten gesund. Und sie wird langfristig fast nie belohnt.