1. Geschwindigkeit als Statussymbol
Im Jahr 2010 bin ich von einer Regionalgesellschaft in die Konzernzentrale gewechselt. Ich erinnere mich noch gut an die Eindrücke der ersten Wochen: Plötzlich war alles international. Meetings auf Englisch, Telefonkonferenzen mit Brüssel, Berlin und anderen Standorten. Die Themen waren größer, komplexer, bedeutender.
Und vor allem: alles war schneller:
Die Vorstände und Bereichsleiter waren komplett durchgetaktet. Assistenzen koordinierten Termine, Fahrer standen jederzeit bereit, sogar Firmenjets gab es, um die Standorte in aller Welt schnell zu erreichen. Jeder Slot war verplant. Selbst zehn Minuten für eine Rücksprache waren ein relevanter Termin.
Es galt eine einfache Regel: Je wichtiger jemand war, desto weniger Zeit hatte die Person. Und desto schneller bewegte sie sich durch die Flure. Von meinen Kundenunternehmen und aus zahlreichen Berichten von Kandidaten weiß ich; das alles ist auch heute oft noch so.
2. Eine andere Form von Zeit
15 Jahre später sitze ich in Saint-Tropez im Café de Paris. Cappuccino für acht Euro, Blick auf den Hafen. Vor mir liegen die Yachten der Superreichen. Ich bin auf einem Road-Trip durch Europa unterwegs, inzwischen selbstständig. Komplett Urlaub machen ist zwar schwierig, aber vormittags ein paar Stunden arbeiten und dann den Tag genießen; das geht.
Auf einmal passiert auf der Yacht direkt vor mir etwas: Die Crew stellt sich auf, zwei schwarze Vans fahren vor, die Eigentümerfamilie steigt aus. Leute bleiben stehen und schauen zu, wie das Gepäck ausgeladen und an Board gebracht wird.
Nach einigen Minuten fällt mir auf: Nichts passiert schnell. Man unterhält sich untereinander und mit der Crew. Man nimmt sich Zeit. Niemand wirkt gehetzt. Alles läuft ab wie in Zeitlupe.
Ich merke, wie ich ungeduldig werde. Warum dauert das so lange? Wollen die nicht ablegen?
3. Was Ruhe wirklich bedeutet
Dann wird mir klar: Warum sollten diese Menschen es eilig haben? Ich bin sicher, nicht nur im Urlaub sind sie so entspannt, sondern werden sich auch sonst nicht hetzen lassen.
Niemand erwartet etwas von ihnen im nächsten Slot. Niemand drängt sie zur nächsten Entscheidung. Niemand misst ihren Wert an ihrer Geschwindigkeit.
Und genau darin liegt der Unterschied:
In der Konzernwelt war Geschwindigkeit ein Zeichen von Wichtigkeit. Hier ist Ruhe ein Zeichen von Souveränität.
4. Wer treibt eigentlich wen?
Ich bin weder neidisch auf Superreiche, noch möchte ich Eigner einer solchen Yacht sein, aber die Langsamkeit und Ruhe haben mich inspiriert und mir wurde einmal mehr klar:
Wer es immer eilig hat, wird meistens getrieben: von Erwartungen, von Strukturen, von anderen Menschen. Und oft auch von sich selbst.
Das bedeutet nicht, dass Geschwindigkeit grundsätzlich schlecht ist. Aber sie ist selten ein Zeichen von Kontrolle. Sondern oft das Gegenteil.
5. Mein persönlicher Umgang damit
Ich habe schon vor längerer Zeit begonnen, meine Tage bewusster zu strukturieren. Nicht mehr nur Termine aneinanderzureihen, sondern bewusst Zeiträume dazwischen zu lassen. Zeit zum Nachdenken. Zeit zum Reflektieren. Das ist ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann. Das ist mir bewusst.
Aber es ist ein Unterschied, ob man keine Zeit hat oder sich keine nimmt.
6. Mein Impuls
Wann warst du zuletzt wirklich ohne Zeitdruck?
Und wie oft verwechselst du Geschwindigkeit mit Wichtigkeit?
Denn vielleicht ist nicht derjenige am weitesten, der am schnellsten ist. Sondern derjenige, der entscheidet, in welchem Tempo er leben möchte.