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Hinter jeder Grenze beginnt eine andere Welt

1. Wie schnell Relevanz verschwinden kann

Mich fasziniert immer wieder, wie schnell sich Prioritäten und Relevanz verändern, sobald man eine Grenze überschreitet.

Wer mit dem Auto Deutschland verlässt und wenige Kilometer später in einem Nachbarland unterwegs ist, stellt schnell fest: Plötzlich interessiert sich dort kaum noch jemand dafür, was der Bundeskanzler gestern Abend gepostet hat oder welche politische Debatte gerade die deutschen Medien beschäftigt. Themen, über die wir uns zuhause stundenlang austauschen, verlieren nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt sofort ihre Bedeutung.

Dasselbe erlebe ich regelmäßig im Berufsleben. Wer das Unternehmen oder die Branche wechselt, merkt schnell: Die Themen, über die gestern noch leidenschaftlich diskutiert wurde, spielen auf einmal keine Rolle mehr. Stattdessen erscheinen andere Fragestellungen plötzlich unglaublich wichtig. Relevanz ist erstaunlich oft nur eine Frage des Standorts und der Bubble, in der man sich befindet.

2. Unsere eigene Welt ist kleiner, als wir glauben

Dieses Phänomen begegnet uns nicht nur in Politik oder Unternehmen, sondern auch in der Kultur: Einige wenige internationale Künstler kennt fast jeder. Dann wird es schnell national. Wer kennt beispielsweise Helene Fischer außerhalb des deutschsprachigen Raums? Umgekehrt dürfte den meisten Menschen in Deutschland der italienische Sänger Ultimo kein Begriff sein.

Mir ging es jedenfalls so.

Vor einigen Wochen zeigte mir Instagram zufällig ein Schwarz-Weiß-Video von dem jungen Künstler. Er stand auf einer Bühne und sang direkt in die Kamera. Hinter ihm ein riesiges Stadion voller Menschen, die jede Zeile aus voller Kehle mitsangen. Obwohl ich kaum ein Wort verstand, hatte dieses Video eine unglaublich emotionale Wirkung auf mich.

3. Ein Konzert mit 250.000 Menschen

Neugierig geworden, begann ich zu recherchieren. Ich stellte fest, dass Ultimo in Italien einer der erfolgreichsten Singer-Songwriter des Landes ist. Am letzten Samstag, dem 4.7.2026, spielte er in Rom ein Konzert vor 250.000 Menschen, das seit einem Jahr ausverkauft war.

Mich ließ dieser Gedanke nicht mehr los: Da ist jemand in einem uns Deutschen in vielerlei Hinsicht sehr nahem Land für Hunderttausende Menschen ein Superstar und hier hat noch nie jemand seinen Namen gehört?

Also tat ich etwas, was ich normalerweise nicht tue: Ich buchte spontan Flüge nach Rom, organisierte über Umwege noch Eintrittskarten und machte mich auf den Weg.

4. Die Komfortzone endet oft früher, als wir denken

In mehrfacher Hinsicht verließ ich dabei meine Bubble: anderes Land, andere Sprache, 250 Tausend Menschen (im Durchschnitt vermutlich nur halb so alt) und Musik, die ich bis vor kurzem überhaupt nicht kannte.

Trotzdem fühlte sich der Abend erstaunlich vertraut an und war ein sensationelles Erlebnis: Die Emotionen waren dieselben wie bei jedem großen Konzert mit begeisterten Fans. Menschen sangen gemeinsam, lachten, feierten und genossen den Moment. Direkt hinter uns im Publikum machte ein junger Mann seiner Freundin bei einem ruhigen Liebeslied einen Heiratsantrag und alle herumstehenden klatschten und freuten sich mit ihnen. Mir wurde einmal mehr bewusst, dass vieles, was uns verbindet, keine gemeinsame Sprache braucht.

5. Perspektivwechsel lohnen sich

In vielen Bereiche unseres Lebens gilt: Wir bewegen uns meist in denselben Unternehmen, denselben Branchen, denselben Freundeskreisen und konsumieren dieselben Medien. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, unsere eigene Welt sei die Welt.

Dabei reicht manchmal schon ein Unternehmenswechsel, eine Reise oder ein Abend außerhalb der eigenen Gewohnheiten, um festzustellen, wie relativ die für uns relevanten Dinge eigentlich sind.

Gerade im Berufsleben halte ich solche Perspektivwechsel für wertvoll. Wer andere Branchen kennenlernt, andere Kulturen erlebt oder bewusst die eigene Bubble verlässt, entwickelt oft mehr Verständnis für Menschen, neue Ideen und andere Sichtweisen. Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Voraussetzungen für gutes Management und gute Führung.

6. Mein Impuls

Wann hast du zuletzt bewusst deine eigene Bubble verlassen?

Wann hast du etwas erlebt, das außerhalb deiner üblichen Interessen, deiner Branche oder deines Umfelds lag?

Und wie oft stellst du dir die Frage, ob das, was in deiner Welt gerade wichtig erscheint, außerhalb dieser Welt überhaupt eine Rolle spielt?

Vielleicht beginnt hinter jeder Grenze tatsächlich eine andere Welt. Und manchmal genügt schon ein kleiner Perspektivwechsel, um die eigene mit anderen Augen zu sehen.

Über den Autor

Dr. Sebastian Tschentscher findet mit seiner Executive Search Boutique „Digital Minds“ die besten digitalen Köpfe für Ihr Unternehmen.

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