1. Eine Frage, die mir immer häufiger begegnet
Eine Frage diskutiere ich Kandidatinnen und Kandidaten seit Jahren immer wieder: Passt eine bestimmte Branche zu mir?
Oft geht es dabei gar nicht um die Aufgabe oder das Unternehmen selbst. Die Rolle ist spannend, das Unternehmen macht einen guten Eindruck, die Entwicklungsmöglichkeiten sind attraktiv. Und trotzdem bleibt eine Unsicherheit: "Eigentlich wollte ich nie in dieser Branche arbeiten."
Ich halte diese Frage für wichtig. Gleichzeitig glaube ich, dass sie häufig zu undifferenziert beantwortet und insgesamt überbewertet wird.
2. Die Branche ist nur ein Teil der Gleichung
Der Ratschlag, man solle ausschließlich das machen, wofür man brennt und wofür das Herz schlägt, klingt zunächst überzeugend. Ich halte ihn aber in den meisten Fällen für wenig hilfreich und oft sogar für einen Irrweg.
Zum einen ist es schlicht unrealistisch, dass Millionen Menschen ausschließlich in Bereichen arbeiten, die ihrer persönlichen Leidenschaft entsprechen. Zum anderen sagt die Attraktivität einer Branche erstaunlich wenig darüber aus, wie zufrieden man dort im Arbeitsalltag tatsächlich sein wird.
Zu den Zeiten, als ich Berufseinsteiger war, wollten viele junge Menschen unbedingt in Medienunternehmen oder Werbeagenturen arbeiten. Diese Branchen galten als kreativ, modern und besonders attraktiv. Gleichzeitig waren dort unbezahlte Praktika, sehr lange Arbeitszeiten und ein rauer Umgangston keine Seltenheit. Die Begeisterung für die Branche war groß. Die Begeisterung für den Arbeitsalltag oft deutlich kleiner und nicht selten endeten die Stationen dort in Desillusion und Burnout.
3. Von außen sieht eine Branche oft anders aus als von innen
Ich selbst habe viele Jahre im Energiesektor gearbeitet. Von außen gilt diese Branche nicht unbedingt als besonders aufregend. Tatsächlich habe ich dort aber sehr spannende Aufgaben, hervorragende Entwicklungsmöglichkeiten und viele interessante Menschen kennengelernt.
Diese Erfahrung habe ich inzwischen immer wieder gemacht: Vermeintlich langweilige Branchen bieten oft ausgezeichnete Unternehmenskulturen, langfristige Perspektiven und gute Rahmenbedingungen. Gleichzeitig sind gerade die Branchen, in die alle möchten, nicht automatisch die besten Arbeitgeber. Wo besonders viele Menschen arbeiten wollen, müssen Unternehmen sich häufig auch weniger um gute Arbeitsbedingungen bemühen.
Die Attraktivität eines Produkts oder einer Branche wird deshalb leicht mit der Attraktivität eines Arbeitsplatzes verwechselt. Beides hat deutlich weniger miteinander zu tun, als viele glauben.
4. Es gibt nur eine entscheidende Ausnahme
Natürlich gibt es Grenzen. Wenn eine Branche für jemanden ein echtes No-Go ist, weil sie den eigenen Werten widerspricht, etwa die in diesem Zusammenhang oft genannte Waffen- oder Tabakindustrie, dann wird daraus vermutlich keine langfristig erfüllende Tätigkeit entstehen.
In allen anderen Fällen würde ich die Branche deutlich weniger stark gewichten.
Viel wichtiger erscheinen mir andere Fragen: Wie ist die Unternehmenskultur? Wie gut ist die Firma aufgestellt und hat sie eine gute wirtschaftliche Perspektive? Kann ich dort lernen? Kann ich mich weiterentwickeln? Kann ich Verantwortung übernehmen? Passt eine berufliche Station in diesem Unternehmen in der betreffende Rolle gut zu meiner langfristigen Entwicklung?
Denn genau diese Faktoren bestimmen den Arbeitsalltag und den langfristigen Erfolg. Und gerade der Arbeitsalltag entscheidet letztlich darüber, ob wir gerne zur Arbeit gehen.
5. Begeisterung entsteht oft erst im Laufe der Zeit
Vielleicht liegt genau darin der wichtigste Punkt: Viele Menschen gehen davon aus, dass sie sich bereits vor einem Stellenwechsel für ein Thema begeistern müssen. Ich glaube, häufig ist es genau umgekehrt. Nicht selten entwickelt sich Interesse erst dann, wenn man mit tollen Menschen zusammenarbeitet, Verantwortung übernimmt und merkt, welchen Beitrag man leisten kann.
Ich habe Kandidatinnen und Kandidaten erlebt, die zunächst Vorbehalte gegenüber einer Branche hatten und sich wenige Jahre später nicht vorstellen konnten, noch einmal etwas anderes zu machen.
Manchmal entsteht Begeisterung nicht vor dem ersten Arbeitstag. Sondern erst durch die tägliche Arbeit selbst.
6. Mein Impuls
Welche Rolle spielt die Branche bei deiner nächsten beruflichen Entscheidung?
Ist sie für dich wirklich entscheidend oder nur einer von vielen Faktoren?
Und würdest du lieber in deiner Traumbranche unter schwierigen Bedingungen arbeiten oder in einer Branche, die dich zunächst wenig interessiert, dafür aber mit großartigen Kolleginnen und Kollegen und echten Entwicklungsmöglichkeiten?
Vielleicht entscheidet am Ende nicht die Branche darüber, ob wir gerne arbeiten. Sondern die Menschen, mit denen wir es tun.