1. Erfolg ist der natürliche Feind der Veränderung
Wenn von den großen Unternehmenskrisen der vergangenen Jahrzehnte die Rede ist, fallen fast immer dieselben Namen: Kodak und Nokia.
Die gängige Erklärung lautet, dass beide Unternehmen von einer technologischen Revolution überrascht und dann hinweggefegt wurden. Die digitale Fotografie verdrängte den Film, das iPhone veränderte den Mobiltelefonmarkt und die ehemaligen Marktführer hatten keine Chance mehr aufzuholen.
Das ist aber verkürzt und nicht die ganze Wahrheit.
Denn in Wirklichkeit verfügten beide Unternehmen über ausreichend Zeit, Kapital, hervorragende Ingenieure und das notwendige Wissen, um auf die Veränderungen zu reagieren. Kodak entwickelte sogar selbst die erste Digitalkamera. Nokia erzielte noch Rekordumsätze und -gewinne, als Apple 2007 das iPhone vorstellte.
In beiden Fällen war es nicht so, dass man der Situation hilflos ausgeliefert war. Die eigentliche Herausforderung bestand darin, Veränderungen gegen den eigenen Erfolg voranzutreiben.
2. Der Erfolg von gestern wird schnell zum Gegner von morgen
Genau darin liegt das Paradoxon.
Je erfolgreicher ein Unternehmen mit seinem bestehenden Geschäftsmodell ist, desto geringer erscheint der Druck, etwas Grundlegendes zu verändern. Prozesse sind eingespielt, Produkte erfolgreich und die bisherigen Entscheidungen wurden über Jahre bestätigt. Wer in einer solchen Situation einen radikalen Kurswechsel fordert, argumentiert nicht gegen ein Problem, sondern gegen den Erfolg.
Deshalb ist Transformation selten ein technisches Problem. Sie ist vor allem ein organisatorisches und kulturelles. Die größte Hürde besteht nicht außerhalb des Unternehmens, sondern innerhalb der eigenen Strukturen und Denkweisen. Ganz generell gilt: Wenn die äußere Transformationsgeschwindigkeit höher ist als die innere, droht der Verlust von Relevanz.
Wir erleben genau diesen Mechanismus derzeit wieder. Nicht nur bei Volkswagen, sondern in vielen etablierten Unternehmen. Solange das bestehende Geschäft noch Milliarden erwirtschaftet, ist es außerordentlich schwer, gleichzeitig konsequent in eine Zukunft zu investieren, deren genaue Form heute noch niemand kennt.
3. Ein Muster, das es schon lange gibt
Interessanterweise ist dieser Mechanismus viel älter als unsere moderne Wirtschaft.
Vor rund 1.000 Jahren gründeten die Wikinger Siedlungen auf Grönland. Während einer über mehrere Jahrhunderte andauernden Warmphase lebten sie dort erfolgreich von Viehzucht und Landwirtschaft. Als sich das Klima ab dem 13. Jahrhundert allmählich wieder abkühlte, verschlechterten sich ihre Lebensbedingungen Schritt für Schritt. Gleichzeitig lebten dort bereits die Inuit, deren Lebensweise deutlich besser an die neuen Bedingungen angepasst war.
Historiker diskutieren bis heute die genauen Ursachen für das Verschwinden der nordischen Siedlungen. Klar ist jedoch: Der äußere Wandel allein erklärt die Entwicklung nicht. Es wäre Zeit genug zur Anpassung gewesen. Entscheidend war auch, dass es schwer fällt, ein über Generationen erfolgreiches Modell grundlegend zu verändern. Offenbar haben die Wikinger sogar vergeblich versucht, die Landwirtschaft und Viehzucht zu intensivieren, um trotz der widrigen Bedingungen den Erfolg zu erhalten.
4. KI stellt uns vor dieselbe Frage
Mit Künstlicher Intelligenz erleben wir derzeit wieder eine technologische Entwicklung, deren langfristige Auswirkungen heute niemand zuverlässig abschätzen kann. Ich weiß nicht, welche Berufe sich verändern werden oder welche Geschäftsmodelle in zehn Jahren noch bestehen. Wahrscheinlich weiß das heute niemand.
Eines erscheint mir jedoch wahrscheinlich: Die größte Gefahr besteht nicht darin, dass Unternehmen die Möglichkeiten von KI gar nicht erkennen. Die größere Gefahr besteht darin, dass der Erfolg der bestehenden Prozesse den Veränderungsdruck überlagert. Solange das heutige Geschäft gut funktioniert, erscheint es vernünftig, genau dieses immer weiter zu optimieren.
Doch genau darin könnte die eigentliche Falle liegen.
5. Mein Impuls
Bist du heute noch beruhigt, dass es in deinem Unternehmen trotz aller KI-Diskussionen erfolgreich läuft?
Ist dieser Erfolg vielleicht gleichzeitig der stärkste Grund, warum grundlegende Veränderungen schwerfallen?
Und woran würdest du erkennen, dass nicht fehlendes Wissen eure größte Herausforderung ist, sondern die Bereitschaft, den Erfolg von gestern und heute rechtzeitig zu hinterfragen?