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Gute Führung macht sich entbehrlich

1. Fünf Wochen ohne die Personalchefin

Vor kurzem verabschiedete sich die Personalchefin eines größeren Unternehmens, mit dem ich gerade eine Executive Search durchführte, in eine fünfwöchige Auszeit. Aus unserer Zusammenarbeit wusste ich, wie stark sie in praktisch alle wichtigen Personalthemen auf Top-Level eingebunden ist. Bei ihr laufen die Fäden für viele Executive-Personalentscheidungen zusammen, sie ist wichtige Schnittstelle zu mehreren Mitgliedern des Vorstands und verfügt über entsprechend viel Wissen und Informationen.

Mein erster Gedanke war deshalb: Wie soll das fünf Wochen lang funktionieren?

Vor ihrer Abreise übergab sie ihre Themen an eine Kollegin aus ihrem Team, die sogar erst seit relativ kurzer Zeit im Unternehmen war. Meine Skepsis wurde dadurch nicht unbedingt kleiner.

Und dann passierte: nichts.

Die Kollegin sprang eins zu eins ein. Unsere gemeinsame Suche lief reibungslos weiter, Entscheidungen wurden getroffen, Informationen waren vorhanden und für mich als Außenstehenden war kaum ein Unterschied festzustellen.

Nach ihrer Rückkehr erzählte mir meine Ansprechpartnerin, dass sie in den ersten Tagen ihrer Auszeit immer wieder nervös ihr E-Mail-Postfach kontrolliert habe. Sie sei jederzeit bereit gewesen einzugreifen, falls etwas eskalieren oder ein Notfall entstehen sollte. Aber es kam nichts.

Ich finde: Das ist ein ziemlich gutes Zeichen.

2. „Ohne sie läuft hier gar nichts“

Normalerweise klingt es wie ein großes Kompliment, wenn über eine Führungskraft gesagt wird: „Ohne ihn läuft hier nichts.“ Oder: „Wenn sie morgen geht, haben wir ein echtes Problem.“

Aber ist das wirklich ein Zeichen guter Führung?

Natürlich hinterlassen gute Führungskräfte eine Lücke. Sie verfügen über Erfahrung, Beziehungen und Wissen, das sich nicht von heute auf morgen ersetzen lässt. Problematisch wird es aber, wenn eine Organisation dauerhaft davon abhängig ist, dass eine bestimmte Person anwesend ist.

Wenn Entscheidungen liegen bleiben, sobald der Chef im Urlaub ist, Kunden nur mit einer einzigen Person sprechen können und relevantes Wissen ausschließlich in einem Kopf steckt, ist Unverzichtbarkeit vielleicht weniger Auszeichnung, als wir glauben.

3. Führung sollte Abhängigkeit reduzieren

Gute Führung sollte langfristig dazu führen, dass eine Organisation weniger abhängig von der Führungskraft wird. Dazu gehört, Wissen zu teilen, Verantwortung abzugeben und andere Menschen Entscheidungen treffen zu lassen. Vor allem gehört dazu, Mitarbeitende so zu entwickeln, dass sie Aufgaben eigenverantwortlich übernehmen können, die bisher die Führungskraft selbst erledigt hat.

Genau das fand ich an meinem Beispiel bemerkenswert. Meine Ansprechpartnerin hatte einer noch relativ neuen Kollegin offenbar nicht nur die notwendigen Informationen gegeben. Sie hatte ihr auch das Vertrauen und die Entscheidungsfreiheit gegeben, tatsächlich ihre Rolle zu übernehmen.

Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht.

4. Unverzichtbarkeit fühlt sich gut an

Denn gebraucht zu werden, fühlt sich zunächst ziemlich gut an. Wer ständig gefragt wird, ist wichtig. Wer jede relevante Entscheidung freigeben muss, hat Einfluss. Und wer als Einziger bestimmte Zusammenhänge kennt, besitzt automatisch Macht.

Andere wirklich handlungsfähig zu machen bedeutet dagegen, ein Stück dieser Bedeutung abzugeben. Mitarbeitende treffen plötzlich selbst Entscheidungen. Vielleicht sogar anders, als man sie selbst getroffen hätte. Und irgendwann stellt man womöglich fest, dass es auch ohne einen geht.

Was sich wie Bedeutungsverlust anfühlt, ist in Wahrheit ein Zeichen guter Führung.

Eine Führungskraft, die jede wichtige Entscheidung selbst treffen kann, mag hervorragend sein. Eine Führungskraft, deren Team auch ohne sie gute Entscheidungen trifft, hat aus meiner Sicht noch mehr erreicht.

5. Der Urlaubstest

Vielleicht gibt es deshalb einen ziemlich einfachen Test für Führungsqualität: Was passiert, wenn du morgen vier oder fünf Wochen nicht erreichbar bist?

Bleiben wichtige Entscheidungen liegen? Warten Kunden und Kollegen auf deine Rückkehr? Werden Projekte verschoben, weil nur du bestimmte Zusammenhänge kennst? Oder arbeitet dein Bereich weitgehend normal weiter und dein Team trifft die notwendigen Entscheidungen selbst?

Natürlich bedeutet das nicht, dass die Führungskraft überflüssig ist. Im Gegenteil. Wenn ein Bereich auch längere Zeit ohne seine Leitung funktioniert, kann das gerade zeigen, dass Strukturen geschaffen, Wissen geteilt und Menschen entwickelt wurden.

Und vielleicht ist die zweite Reihe deshalb eines der besten Zeugnisse, das eine Führungskraft über ihre eigene Arbeit bekommen kann.

6. Mein Impuls

Was würde passieren, wenn du morgen für fünf Wochen nicht erreichbar wärst?

Würde es dich beruhigen, wenn alles problemlos weiterläuft oder vielleicht sogar ein wenig irritieren?

Und was sagt es über deine Führung aus, wenn dein Team auch ohne dich hervorragend funktioniert?

Denn vielleicht zeigt sich gute Führung nicht daran, wie sehr eine Organisation ihre Führungskraft braucht. Sondern daran, wie gut sie auch dann funktioniert, wenn diese einmal nicht da ist.

Über den Autor

Dr. Sebastian Tschentscher findet mit seiner Executive Search Boutique „Digital Minds“ die besten digitalen Köpfe für Ihr Unternehmen.

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