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Warum wir Entscheidungen nicht nur anhand der Ergebnisse bewerten sollten

1. Warum mich Fußballkommentare oft nerven

Ein großer Fußballfan bin ich nicht. Meistens schaue ich nur Europa- und Weltmeisterschaften und auch das nur, so lange Deutschland dabei ist.

Eine Sache stört mich dabei regelmäßig: wie stark im Nachhinein vieles vom Ergebnis her bewertet wird. Ein Spieler schießt aus großer Entfernung aufs Tor. Geht der Ball hinein, war es mutig und große Klasse. Geht er vorbei, war es eine unnötige Verzweiflungstat und er hätte besser "über rechts" gehen sollen; da stand jemand frei anspielbar. Die Entscheidung des Spielers kann in beiden Fällen nahezu identisch gewesen sein. Die Bewertung ist es nicht.

2. In Unternehmen machen wir es genauso

Im Management begegnet mir dieses Phänomen auch immer wieder. Eine riskante und wenig durchdachte Entscheidung führt zum Erfolg und plötzlich gilt sie als genial. Eine andere wurde sorgfältig vorbereitet, alle relevanten Informationen wurden berücksichtigt und verschiedene Szenarien durchgespielt. Trotzdem geht sie schief und wird rückblickend als Missmanagement bewertet. Manche nehmen das achselzuckend so hin: "Ohne glückliches Händchen ist man eben keine gute Führungskraft".

Ich finde, wir sollten das anders sehen. Zu oft verwechseln wir die Qualität einer Entscheidung mit der Qualität ihres Ergebnisses. Natürlich sollten gute Entscheidungen über längere Zeit auch häufiger zu guten Ergebnissen führen. In jedem Einzelfall gibt es diesen Zusammenhang aber nicht. Entscheidungen werden immer unter Unsicherheit getroffen und können schief gehen, auch wenn sie gut getroffen waren.

Ein Unternehmen kann beispielsweise nach sorgfältiger Analyse in einen neuen Markt investieren. Ein Jahr später verändert ein geopolitisches Ereignis die Rahmenbedingungen und das Projekt scheitert. War die Entscheidung deshalb falsch? Nein. Entscheidend ist, ob sie mit den Informationen, die zum damaligen Zeitpunkt verfügbar waren, nachvollziehbar und gut getroffen wurde. Umgekehrt wird aus einer schlechten Entscheidung durch Glück keine gute.

3. Was das Management von Juristen lernen kann

Als Jurist habe ich für genau diese Art des Denkens ein gutes Handwerk gelernt. Bevor ein Urteil gefällt wird, muss zunächst der Sachverhalt aufgearbeitet werden. Beweise werden gewürdigt, die Sach- und Rechtslage analysiert und unterschiedliche Argumente gegeneinander abgewogen. Erst am Ende steht die Entscheidung.

Im Jurastudium und Referendariat werden deshalb auch nicht die reinen Ergebnisse eines Gutachtens oder Urteils bewertet. Viel wichtiger ist, ob man den Sachverhalt vollständig erfasst, die relevanten Rechtsfragen erkannt und die unterschiedlichen Argumente berücksichtigt hat. Gerade bei Streitfragen kann man durchaus zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen und trotzdem eine sehr gute Arbeit abliefern; wenn der Weg dorthin sauber und nachvollziehbar war.

Davon kann sich das Management einiges abschauen: Bei wichtigen Entscheidungen sollten die relevanten Informationen zusammengetragen, die richtigen Menschen einbezogen, unterschiedliche Argumente zugelassen und verschiedene Szenarien betrachtet werden. Ein guter Entscheidungsprozess garantiert kein gutes Ergebnis. Er erhöht aber dessen Wahrscheinlichkeit. Vielen dauert das zu lange; aber auch unter Zeitdruck kann man einen solchen Prozess - wenn auch verkürzt - einhalten. Auch Gerichte entscheiden schließlich in sog. Eilverfahren, wenn nötig.

4. Das Ergebnis verändert unseren Blick zurück

Sobald wir das Ergebnis kennen, erscheint uns die Vergangenheit plötzlich eindeutiger, als sie tatsächlich war. Nach einem Erfolg finden wir Gründe, warum dieser absehbar gewesen sei. Nach einem Misserfolg entdecken wir Warnsignale, die man doch offensichtlich hätte erkennen müssen. Dabei vergessen wir, dass diejenigen, die damals entscheiden mussten, unser heutiges Wissen noch nicht hatten.

Natürlich müssen Führungskräfte auch an Ergebnissen gemessen werden. Wer über Jahre schlechte Ergebnisse produziert, kann sich nicht auf gute Entscheidungsprozesse zurückziehen. Bei einzelnen Entscheidungen sollten wir aber genauer hinschauen. Sonst verwechseln wir Glück mit Können und Pech mit Unfähigkeit.

Die entscheidende Frage müsste deshalb häufiger lauten: War es mit dem Wissen von damals eine gute Entscheidung?

5. Mein Impuls

Kannst du eine Entscheidung, die zu einem großen Verlust geführt hat, trotzdem als gutes Management anerkennen, wenn der Weg dorthin sorgfältig und nachvollziehbar war?

Und umgekehrt: Wann hast du zuletzt einen großen Erfolg erlebt und dich gefragt, ob dahinter wirklich eine gute Entscheidung stand oder vielleicht auch einfach eine gehörige Portion Glück?

Denn gute Führung zeigt sich nicht darin, dass jede Entscheidung zum gewünschten Ergebnis führt. Sie zeigt sich darin, Entscheidungsprozesse zu schaffen, die die Wahrscheinlichkeit guter Ergebnisse immer wieder erhöhen.

Über den Autor

Dr. Sebastian Tschentscher findet mit seiner Executive Search Boutique „Digital Minds“ die besten digitalen Köpfe für Ihr Unternehmen.

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