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Wie wir uns durch Gewohnheiten und Grübeln begrenzen

1. Meine letzte Fernreise war 2020

Meine letzte richtige Fernreise liegt erstaunlich lange zurück. Im Januar 2020 war ich für zwei Wochen in Brasilien. Wenige Wochen später kam Corona und Reisen war zunächst einmal kein großes Thema mehr.

Danach kaufte ich eine Wohnung in Barcelona und verbrachte dort in den vergangenen Jahren viel Zeit. Ich war weiterhin viel unterwegs, habe andere europäische Länder besucht, Roadtrips mit dem Auto gemacht und bin regelmäßig geflogen. Nur eine richtige Fernreise gab es seitdem nicht mehr. Weder beruflich noch privat.

Und irgendwann hatte sich in meinem Kopf ein Gedanke festgesetzt: Fernreisen sind ganz schön aufwendig.

2. Aus ungewohnt wird kompliziert

Eigentlich gab es dafür keinen konkreten Anlass. Trotzdem entstand über die Jahre eine kleine Liste vermeintlicher Komplikationen - in meinem Kopf: Andere Zeitzonen. Visa. Impfungen. Einreisebestimmungen. Anschlussflüge. Steckdosenadapter. Transfers. Dinge, über die ich bei einer Reise innerhalb Europas kaum nachdenke.

Am vergangenen Samstag bin ich dann für fünf Tage nach Ruanda aufgebrochen, um gemeinsam mit einer tollen, von OMR Travel organisierten Gruppenreise das Land kennenzulernen. Da ich in den Tagen vor der Abreise ziemlich eingespannt war, hatte ich wenig Zeit, mich damit zu beschäftigen. Stattdessen schossen mir zwischendurch immer wieder einzelne Fragen durch den Kopf: Habe ich wirklich an alles gedacht? Funktioniert das mit dem Visum tatsächlich erst bei der Einreise? Reicht die Zeit zum Umsteigen in Istanbul?

Je näher die Reise rückte, desto länger schien die gedankliche Liste der kleinen Hürden zu werden.

3. Und dann passierte: nichts

Die Flüge waren pünktlich. Die Zeit im Flugzeug konnte ich hervorragend zum Arbeiten nutzen. Der Anschluss in Istanbul funktionierte problemlos. Das Visum in Kigali bekam ich direkt am Schalter. Es dauerte fünf Minuten und war sogar günstiger, als es vorher online zu organisieren. Der Shuttle zum Hotel stand bereit. Einen Steckdosenadapter brauchte ich nicht. Und Ruanda hat aktuell nicht einmal eine Zeitverschiebung zu Deutschland.

Natürlich war ich länger unterwegs als bei einem Flug nach Barcelona. Aber ansonsten? Erstaunlich wenig Unterschied. Alles Grübeln umsonst. Und irgendwann zwischen Flughafen und Hotel dachte ich: Warum habe ich das in den vergangenen Jahren eigentlich nicht häufiger gemacht?

4. Was wir nicht mehr tun, wird in unserem Kopf komplizierter

Vielleicht ist genau das der interessante Mechanismus: Wir neigen dazu, Dinge, die wir regelmäßig tun, als einfach wahrzunehmen. Wir kennen die Abläufe, wissen, was uns erwartet, und müssen über vieles gar nicht mehr nachdenken.

Wenn wir etwas längere Zeit nicht tun, passiert dann manchmal das Gegenteil. Aus fehlender Routine wird Unsicherheit. Aus Unsicherheit entstehen mögliche Probleme. Und aus einer Reihe kleiner möglicher Probleme entsteht irgendwann das Gefühl: Das ist kompliziert.

Dabei hat sich nicht die Sache verändert. Nur unser Verhältnis zu ihr. Und das gilt vermutlich nicht nur für Fernreisen.

5. Wie viele Möglichkeiten werden auf diese Weise verhindert?

Auch im Berufsleben entstehen solche Grenzen schleichend: Man hat lange keinen Jobwechsel mehr gemacht und irgendwann erscheint ein Wechsel unglaublich riskant. Man hat seit Jahren in derselben Branche gearbeitet und kann sich kaum noch vorstellen, dass die eigene Erfahrung woanders relevant sein könnte. Man hat lange keine neue Aufgabe übernommen und hält den nächsten Schritt plötzlich für größer, als er tatsächlich ist.

Vielleicht sagen wir dann: „Das ist mir zu aufwendig.“ Oder: „Dafür ist gerade nicht der richtige Zeitpunkt.“ Oder: „Das ist mir zu unsicher.“ Manchmal gibt es dafür sehr gute Gründe. Aber manchmal haben wir einfach etwas so lange nicht mehr gemacht, dass wir vergessen haben, wie unkompliziert es sein kann.

6. Mein Impuls

Welche Dinge erscheinen dir heute kompliziert, obwohl du sie früher ganz selbstverständlich gemacht hast?

Wo ist aus fehlender Routine irgendwann etwas vermeintlich Aufwendiges geworden?

Und gibt es etwas, das du seit Jahren vor dir herschiebst, weil du dir den Weg dorthin inzwischen schwieriger vorstellst, als er vielleicht tatsächlich ist?

Manchmal braucht es dann gar keinen großen Sprung. Sondern nur die Erfahrung, dass es die Einschränkung, die wir uns zurecht gegrübelt haben, in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Über den Autor

Dr. Sebastian Tschentscher findet mit seiner Executive Search Boutique „Digital Minds“ die besten digitalen Köpfe für Ihr Unternehmen.

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