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Was man aus dem Verkehrschaos von Bangkok über Regeln lernen kann

1. Drei Tage auf einem Motorroller in Bangkok

Seit Freitag bin ich in Bangkok, um für einige Wochen hier zu leben und von hier aus zu arbeiten. Gleich nach meiner Ankunft habe ich mir einen Motorroller gemietet. Ich hatte einigen Respekt davor, mich damit in den Verkehr dieser Millionenmetropole zu stürzen.

Dabei bin ich kein ungeübter Fahrer. In Hamburg und Barcelona fahre ich praktisch täglich Motorrad. Und gerade in Spanien ist der Verkehr auch sehr "dynamisch". Aber Bangkok ist eine andere Liga. Nicht nur wegen des Linksverkehrs. Auf den mehrspurigen Straßen bewegen sich Autos, Busse, Lastwagen, Motorroller und Tuk-Tuks scheinbar ohne erkennbare Ordnung durcheinander. Überall wird die Spur gewechselt, aus Seitenstraßen drängen sich Fahrzeuge in den Verkehr.

Mein erster Eindruck war entsprechend chaotisch und ziemlich furchteinflößend. Drei Tage später sehe ich das anders. Ich fahre inzwischen konzentriert, aber mit einem guten Gefühl durch die Stadt und habe dabei etwas interessantes beobachtet - an mir und generell.

2. Warum ich mich plötzlich nicht mehr ärgerte

Anfangs gab es immer wieder Situationen, über die ich mich geärgert habe. Beispielsweise, wenn sich jemand aus einer Seitenstraße langsam vor mich schob, obwohl ich eigentlich Vorfahrt hatte. Mein erster Reflex war derselbe wie zu Hause: Der kann doch nicht einfach fahren!

Irgendwann wurde mir allerdings klar, dass dieser Fahrer kaum eine andere Möglichkeit hat. Auf manchen Straßen reißt der Verkehr praktisch nie ab. Wer auf eine ausreichend große Lücke wartet, kommt gar nicht voran. Also tastet man sich langsam vor. Die anderen reduzieren ihre Geschwindigkeit oder machen Platz. Irgendwann ist das Fahrzeug eingefädelt, und der Verkehr bewegt sich weiter.

Interessant war, wie schnell sich meine Reaktion veränderte. Ich begann, solche Situationen nicht mehr als Missachtung meiner Vorfahrt und Frechheit zu betrachten, sondern als Teil eines gemeinsamen Verkehrsflusses. Und ich mache nun selbst Platz, wenn jemand eine Gelegenheit braucht. Was ich zunächst als rücksichtslos empfunden hatte, erscheint mir plötzlich aus einer anderen Perspektive.

3. Vorfahrt als Recht haben um jeden Preis?

Natürlich gibt es auch in Thailand Verkehrsregeln. Aber nach meinem Eindruck werden sie wesentlich flexibler gehandhabt als in Deutschland. Zunächst überraschend erschien mir, wie aufmerksam viele Verkehrsteilnehmer aufeinander reagieren. Autofahrer behalten die Motorroller im Blick, Busse rechnen mit Fahrzeugen neben sich, und auf ungeschickte Manöver wird häufig wohlwollend reagiert. Nicht jede Abweichung führt sofort zu Hupen oder Empörung. Bei genauerer Betrachtung ist es ja nur folgerichtig: Wenn man auf die Regeln kein großer Verlass ist, muss man stärker aufeinander achten - im Interesse der anderen und einem selbst.

Das bedeutet nicht, dass der Verkehr hier objektiv sicherer wäre. Gerade für Motorradfahrer bestehen in Thailand erhebliche Unfallrisiken. Aber ich erlebe eine gegenseitige Aufmerksamkeit und Nachsicht, die mich überrascht hat.

In Deutschland pochen wir stärker darauf, dass andere unsere Vorfahrt respektieren. Und wenn jemand dagegen verstößt, interessiert uns häufig zuerst, wer im Recht ist. Dabei kann man formal vollkommen im Recht sein und trotzdem wenig dazu beitragen, dass eine Situation gut funktioniert.

4. Wenn jeder Fehler eine neue Regel erzeugt

Während ich darüber nachdachte, musste ich an Diskussionen denken, die ich regelmäßig in Unternehmen erlebe. Auch dort organisieren wir Zusammenarbeit durch Regeln. Gerade größere Organisationen brauchen klare Zuständigkeiten und verbindliche Prozesse.

Allerdings beobachte ich häufig einen bestimmten Mechanismus: Wenn etwas schiefläuft, reagieren wir mit einer zusätzlichen Regel. Eine Entscheidung war falsch? Künftig muss eine weitere Führungskraft zustimmen. Eine Information wurde nicht weitergegeben? Wir führen eine Berichtspflicht ein. Jemand hat eine Freiheit missbraucht? Dann wird sie für alle eingeschränkt.

Jede Maßnahme kann für sich genommen sinnvoll sein. Über die Jahre entsteht daraus aber ein dichtes Geflecht aus Regeln, Kontrollen und Freigaben. Wer sich darauf konzentriert, alle Vorgaben einzuhalten, fragt möglicherweise irgendwann weniger danach, ob das eigene Handeln tatsächlich sinnvoll ist. Die Verantwortung verschiebt sich vom eigenen Urteil auf den Prozess.

5. Was Regeln nicht leisten können

Damit bin ich bei einer Frage, die auch in der Diskussion über den Bürokratieabbau in Deutschland eine Rolle spielt: Wie viel müssen wir regeln, dokumentieren und kontrollieren? Und wie viel können wir der Eigenverantwortung von Menschen und Unternehmen überlassen?

Natürlich wäre es naiv, grundsätzlich auf Kontrollen zu verzichten. Regeln schützen vor Willkür und Missbrauch. Gerade bei Gesundheit, Sicherheit oder erheblichen wirtschaftlichen Risiken sind sie unverzichtbar. Aber wir sollten nicht glauben, durch immer detailliertere Vorschriften jede denkbare Situation vorwegnehmen und jedes Fehlverhalten verhindern zu können.

Die Wirklichkeit ist dafür zu komplex. Menschen werden immer wieder selbst entscheiden, abwägen und auf andere Rücksicht nehmen müssen. Dafür braucht es Vertrauen: dass sie Verantwortung übernehmen, statt lediglich darauf zu achten, was ausdrücklich erlaubt oder verboten ist.

6. Mein Impuls

Ich würde den Straßenverkehr in Bangkok nicht uneingeschränkt zum Vorbild für deutsche Verkehrsplanung oder andere Regelwerke erklären. Aber die vergangenen Tage haben mir gezeigt, wie viel ein funktionierendes Miteinander davon abhängt, dass Menschen aufeinander achten, Rücksicht nehmen und darauf vertrauen, dass auch die anderen ihren Teil dazu beitragen.

Wie viel Vertrauen bringen wir den Menschen in unseren Unternehmen tatsächlich entgegen? Wo schaffen wir neue Regeln, weil wir ihnen nicht zutrauen, selbst verantwortungsvoll zu entscheiden? Und nehmen wir ihnen damit möglicherweise genau die Eigenverantwortung, die wir eigentlich von ihnen erwarten?

Denn Verantwortung entsteht dadurch, dass wir Menschen zutrauen, selbst zu denken, auf andere Rücksicht zu nehmen und vernünftig zu handeln. Auf das mich diese Prinzipien auch die nächsten Tage sicher durch den Verkehr von Bangkok bringen.

Über den Autor

Dr. Sebastian Tschentscher findet mit seiner Executive Search Boutique „Digital Minds“ die besten digitalen Köpfe für Ihr Unternehmen.

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