1. Ein überzeugender Kandidat und ein fehlender Satz
Vor einigen Tagen habe ich im Rahmen eines Executive-Search-Mandats mit einem Kandidaten gesprochen, der zunächst einen ausgezeichneten Eindruck machte. Sein beruflicher Werdegang war interessant, das fachliche Profil passte sehr gut zu unserer Suche und auch im persönlichen Gespräch überzeugte er.
Unaufgefordert hatte er mir neben seinem Lebenslauf auch seine Arbeitszeugnisse geschickt. Normalerweise überfliege ich solche Dokumente nur. Sie folgen häufig ähnlichen Formulierungen und sind in ihrer Aussagekraft begrenzt. Diesmal blieb ich allerdings beim Zeugnis seiner letzten Station hängen.
Am Ende fehlte die übliche Dankesformel. Das muss für sich genommen noch nichts bedeuten, denn Arbeitgeber sind nicht verpflichtet, sich im Zeugnis für die Zusammenarbeit zu bedanken. Aber es machte mich neugierig. Ich wollte verstehen, wie das letzte Arbeitsverhältnis zu Ende gegangen war.
2. Eine Antwort, die neue Fragen aufwarf
Im Gespräch fragte ich den Kandidaten nach den Gründen für seinen Abschied. Er erklärte, es habe eine betriebsbedingte Kündigung gegeben. Auf meine Nachfrage, ob sich das Unternehmen wirtschaftlich in Schwierigkeiten befunden habe, verneinte er das.
Natürlich muss eine betriebsbedingte Kündigung nicht zwangsläufig auf wirtschaftliche Schwierigkeiten zurückgehen. Auch organisatorische Veränderungen können ein Grund sein. Aber die weiteren Antworten des Kandidaten machten seine Darstellung nicht klarer. Schließlich sprach er etwas vage von Unstimmigkeiten.
Ich fragte ihn deshalb direkt nach der fehlenden Dankesformel im Zeugnis. Daraufhin räumte er ein, dass man sich nicht im Guten getrennt habe. Mehr wollte er dazu nicht sagen. Ich konnte und wollte daraus nicht ableiten, wer für den Konflikt verantwortlich gewesen war. Aber ich hatte zunehmend den Eindruck, dass er mir einen wesentlichen Teil der Geschichte vorenthielt.
3. Dieselbe Suche, eine völlig andere Reaktion
Wenig später sprach ich im Rahmen desselben Mandats mit einem anderen Kandidaten. Auch in seinem Lebenslauf gab es eine Station, die Fragen aufwarf: Nach etwas mehr als einem Jahr hatte er das Unternehmen bereits wieder verlassen.
Auf meine Frage nach dem Grund begann er seine Antwort mit den Worten: „Ich sage es ganz ehrlich.“ Dann schilderte er eine Arbeitssituation, in der es zunehmend unmöglich geworden war, den Aufgaben gerecht zu werden. Er war allein für den deutschen Markt verantwortlich, während immer neue Projekte und zusätzliche Aufgaben hinzukamen. Es fehlte an klaren Prioritäten und an einer realistischen Abstimmung zwischen den Anforderungen und den verfügbaren Ressourcen.
Er hatte mehrfach auf die Probleme hingewiesen, ohne dass sich etwas Wesentliches änderte und er rieb sich mehr und mehr auf. Immer mehr Dinge blieben liegen oder konnten nicht in der erforderlichen Qualität erledigt werden. Irgendwann zog er die Konsequenz und kündigte, weil er unter diesen organisatorischen Bedingungen keine Möglichkeit mehr sah, vernünftig zu arbeiten.
4. Was aus einem vermeintlichen Schwachpunkt wurde
Natürlich fragte ich auch hier genauer nach. Wie hatte er versucht, die Situation zu verändern? Warum war keine Lösung gefunden worden? Und wie war die Trennung verlaufen?
Seine Antworten waren offen und nachvollziehbar. Besonders interessant fand ich, dass er mit seinem ehemaligen Arbeitgeber weiterhin ein gutes Verhältnis pflegt. Er arbeitet sogar weiterhin als Freelancer für das Unternehmen. Nach seiner Darstellung würde man ihn gerne wieder fest einstellen. Er selbst möchte sich allerdings nicht erneut auf eine Konstellation einlassen, in der Aufgaben und Ressourcen so weit auseinanderfallen.
Aus einer zunächst möglicherweise problematischen Station im Lebenslauf wurde für mich dadurch eine aufschlussreiche Geschichte. Der Kandidat hatte erkannt, dass die organisatorischen Rahmenbedingungen seiner Arbeit nicht funktionierten, dies wiederholt angesprochen und schließlich Konsequenzen gezogen. Gleichzeitig war es ihm gelungen, die Beziehung zu seinem früheren Arbeitgeber positiv zu halten. Das gab mir einen guten Einblick in seine Selbstreflexion und seinen Umgang mit schwierigen Situationen.
5. Ehrlichkeit schafft Vertrauen
Beide Kandidaten hatten eine berufliche Trennung erlebt, die erklärungsbedürftig war. Das ist nichts Ungewöhnliches. Karrieren verlaufen selten ohne Konflikte, Fehlentscheidungen oder Situationen, in denen Erwartungen und Realität nicht zusammenpassen.
Der entscheidende Unterschied lag für mich deshalb nicht in den Gründen für die Trennung, sondern im Umgang damit. Beim ersten Kandidaten blieb nach mehreren Nachfragen das Gefühl, dass ein wesentlicher Teil der Geschichte fehlte. Beim zweiten entstand gerade durch die Offenheit Vertrauen. Ich konnte seine Entscheidungen nachvollziehen, auch wenn ich nur seine Perspektive auf die damalige Situation kannte.
Gerade im Gespräch mit einem Personalberater halte ich diese Offenheit für wichtig. Meine Aufgabe besteht nicht darin, einen makellosen Lebenslauf zu präsentieren, sondern herauszufinden, ob Kandidat und Unternehmen zueinander passen. Dazu gehört auch, schwierige Stationen einzuordnen und gemeinsam zu überlegen, wie man sie gegenüber einem potenziellen Arbeitgeber erklärt. Wer mir wesentliche Informationen vorenthält, nimmt mir diese Möglichkeit.
In diesem Fall habe ich nur den zweiten Kandidaten für den weiteren Auswahlprozess empfohlen. Nicht, weil ich sicher wusste, was beim ersten schiefgelaufen war. Sondern weil mir die notwendige Vertrauensbasis fehlte.
6. Mein Impuls
Kaum eine berufliche Laufbahn verläuft ohne Konflikte, Enttäuschungen oder Entscheidungen, die man im Rückblick vielleicht anders treffen würde. Entscheidend ist für mich nicht, ob jemand solche Erfahrungen gemacht hat, sondern wie er damit umgeht.
Wie offen sprechen wir über berufliche Rückschläge? Versuchen wir, schwierige Erfahrungen zu verbergen, oder können wir erklären, was passiert ist und was wir daraus gelernt haben? Und wie viel Vertrauen entsteht gerade dadurch, dass wir auch unangenehme Dinge ehrlich ansprechen?
Ein schwieriger Abschied muss kein Hindernis für den nächsten Karriereschritt sein. Der Versuch, ihn zu verschleiern, kann dagegen schnell zu einem werden.