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Dieser Beitrag ist anders als sonst. Er ist länger, folgt nicht meiner üblichen Struktur und handelt auch nicht in erster Linie von Führung oder Management. Zumindest nicht auf den ersten Blick.

Denn ich möchte von einer Reise erzählen. Von fünf Tagen in Ruanda, die einige meiner Vorstellungen über dieses Land - und ehrlich gesagt über ganz Afrika - ziemlich durcheinandergebracht haben.

Wie ich überhaupt nach Ruanda kam

Vor etwa einem Jahr habe ich begonnen, im Bereich Executive Search mit OMR zusammenzuarbeiten. Bei einem Lunch im Juli dieses Jahres mit Philipp Westermeyer kamen wir irgendwann auf Ruanda zu sprechen.

Einige Monate zuvor hatte Philipp im OMR Podcast Simon Sondern zu Gast. Simon ist mit Mitte 20 vor rund elf Jahren nach Ruanda gegangen und hat dort inzwischen eine Unternehmensgruppe aufgebaut, die in großem Stil Wohnimmobilien entwickelt, baut, vermarktet und managet. Am Ende des Podcasts entstand, halb im Spaß, die Idee: Eigentlich müsste man einmal mit einer Gruppe nach Kigali fliegen und sich ansehen, was dort passiert.

Offenbar fanden diesen Gedanken ziemlich viele Menschen interessant. Nach der Podcast-Folge meldeten sich Hunderte Hörer, die gerne mitfahren wollten. Daraus entstand schließlich OMR Travel und vor wenigen Tagen stand ich mit einer Gruppe von rund 20 Unternehmerinnen und Unternehmern tatsächlich in Kigali. Das offizielle Programm versprach ausdrücklich keinen Luxusurlaub, sondern Zugang zu Unternehmen, Institutionen und Entscheidungsträgern vor Ort.

Fünf Tage später bin ich begeistert und, das Wort passt tatsächlich, beflügelt zurückgekehrt.

Das Bild in meinem Kopf

Ich bin kein Afrika-Kenner. Und gerade deshalb muss ich zunächst etwas über mein eigenes Bild dieses Kontinents sagen. Wenn ich an viele afrikanische Länder dachte, dachte ich an schwierige wirtschaftliche Bedingungen, Abhängigkeit von Entwicklungshilfe, Korruption, politische Instabilität und Bürgerkriege. Natürlich wusste ich, dass ein Kontinent mit 54 Staaten nicht über einen Kamm zu scheren ist. Trotzdem war dieses diffuse Bild da.

Und bei Ruanda kam noch etwas hinzu: 1994 wurden während des Genozids gegen die Tutsi in nur rund 100 Tagen mehr als 800.000 Menschen ermordet. Das Land war anschließend wirtschaftlich und gesellschaftlich verwüstet, Millionen Menschen waren auf der Flucht. Ein kleines Binnenland ohne nennenswerte Rohstoffvorkommen und mit einer der schlimmsten humanitären Katastrophen der jüngeren Geschichte im Rücken.

Keine besonders guten Voraussetzungen für das, was wir knapp 32 Jahre später in Kigali gesehen haben.

Wir haben keine Chance. Also nutzen wir sie.

So ungefähr könnte man den Ansatz beschreiben, von dem uns in vielen Gesprächen erzählt wurde. Wir trafen Vertreter von Ministerien und Behörden, Unternehmer, Investoren und Menschen, die seit Jahren im Land leben. Natürlich waren das ausgewählte Gesprächspartner und fünf Tage reichen nicht, um ein Land wirklich zu verstehen. Aber erstaunlich konsistent war die Geschichte, die wir immer wieder hörten.

Nach dem Genozid musste zunächst Sicherheit geschaffen und eine zutiefst gespaltene Gesellschaft wieder zusammengeführt werden. Gleichzeitig war klar: Wenn Unternehmen und ausländische Investoren sich in Ruanda engagieren sollen, müssen sie darauf vertrauen können, dass Menschen, Kapital und Eigentum sicher sind.

Darauf folgte eine ausgesprochen wirtschafts- und technologiefreundliche Strategie. Ruanda wollte nicht darauf warten, dass wirtschaftliche Entwicklung irgendwann passiert. Das Land wollte sie organisieren.

Daraus entstand bereits im Jahr 2000 die Vision 2020, später gefolgt von der Vision 2050. Das aktuelle Ziel ist ambitioniert: Ruanda will bis 2035 den Status eines Upper-Middle-Income Country und bis 2050 den eines High-Income Country erreichen.

Was mich dabei beeindruckt hat, war weniger die Existenz eines solchen Plans. Strategiepapiere gibt es schließlich überall. Beeindruckend war, dass von den für 2020 definierten Zielen insgesamt rund 90 Prozent tatsächlich erreicht wurden. Und auch an der Umsetzung des neuen Plans bis 2050 wird mit großer Ernsthaftigkeit und klaren Zwischenzielen und Verantwortlichkeiten gearbeitet.

Digitalisierung - aber aus einem anderen Grund

Ein gutes Beispiel dafür ist die Verwaltung. Wir diskutieren Digitalisierung in Deutschland meistens unter dem Gesichtspunkt der Effizienz. Prozesse sollen schneller und günstiger werden, Bürger weniger Papier ausfüllen und Unternehmen weniger Zeit mit Verwaltung verbringen.

In Ruanda wurde uns immer wieder noch ein anderer Zusammenhang erklärt: Digitalisierung kann auch Korruption verhindern.

Der Gedanke ist verblüffend einfach. Wenn ein Antrag digital gestellt wird, die Gebühr transparent feststeht, der Bearbeitungsstand nachvollziehbar ist und eine Entscheidung innerhalb einer definierten Frist erfolgen muss, reduziert das den persönlichen Ermessensspielraum. Es gibt weniger Anlass, jemanden dafür zu bezahlen, dass ein Vorgang schneller bearbeitet wird oder überhaupt auf dem richtigen Schreibtisch landet.

Ruanda hat mit Irembo bereits 2014 ein zentrales Portal für staatliche Dienstleistungen aufgebaut. Die Weltbank beschrieb schon 2020 mehr als 96 digitale Verwaltungsservices und ein Netzwerk von Irembo-Agenten, über das auch Menschen ohne eigenen digitalen Zugang Dienstleistungen nutzen können.

Genau dieses letzte Detail fand ich besonders interessant.

Digitalisierung funktioniert nämlich nur dann gesellschaftlich, wenn sie diejenigen nicht ausschließt, die kein Smartphone, keinen Internetzugang oder nicht die notwendigen digitalen Kenntnisse haben. Deshalb gibt es Menschen, die anderen gegen eine kleine Vergütung dabei helfen, ihre Verwaltungsangelegenheiten digital abzuwickeln. Nicht zurück zum Papier, sondern Hilfe beim Zugang zum digitalen System.

Und dann standen wir bei Zipline

Vielleicht die eindrucksvollste Station unserer Reise war für mich Zipline.

Die Idee des Unternehmens klingt zunächst fast wie aus einem Innovationsworkshop: Krankenhäuser bestellen Blutkonserven und Medikamente bei Bedarf, autonome Fluggeräte starten von einem Verteilzentrum und liefern die Ware innerhalb kurzer Zeit direkt an die Gesundheitseinrichtung. Nur: Dort ist es kein Konzept. Wir standen daneben.

Im Minutentakt schossen die Drohnen in den Himmel. Blut, Medikamente und andere medizinische Produkte werden so zu Gesundheitseinrichtungen im ganzen Land gebracht. Heute versorgt Zipline mehr als 900 Einrichtungen in 27 von 30 Distrikten Ruandas.

Das verändert die Logik der medizinischen Versorgung. Ein Krankenhaus in einer abgelegenen Region muss nicht jede denkbare Blutkonserve und jedes Medikament auf Vorrat halten. Was akut benötigt wird, kann angefordert und aus der Luft geliefert werden.

Und plötzlich werden aus Fragen, die in einer Präsentation wie Einwände klingen würden, technische Probleme, die gelöst werden müssen: Was passiert bei schlechtem Wetter? Wie koordiniert man den Luftraum? Was ist mit anderen Fluggeräten? Wie funktioniert das nachts?

Man hat diese Fragen nicht zum Anlass genommen, das Konzept nicht zu machen. Man hat Lösungen dafür gesucht.

Ruanda war 2016 das erste Land der Welt, in dem Zipline seinen autonomen Lieferdienst startete. 2026 wurde die Zusammenarbeit noch einmal ausgeweitet; das Land soll eine landesweite autonome Logistikinfrastruktur bekommen.

Besonders wichtig ist der Effekt bei medizinischen Notfällen. Eine unabhängige Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass die Einführung der Drohnenlogistik die Krankenhaussterblichkeit im Zusammenhang mit postpartalen Blutungen erheblich reduziert hat. Technologie nicht als Selbstzweck. Sondern als Lösung für ein sehr konkretes Problem.

Eine sehr junge Gesellschaft

Noch etwas ist mir während dieser Tage aufgefallen: In Behörden und Institutionen trafen wir immer wieder auf junge Menschen in verantwortlichen Positionen - auffallend häufig auf Frauen. Viele hatten im Ausland studiert, sprachen perfektes Englisch und beantworteten unsere teilweise ziemlich detaillierten Fragen mit großer Selbstverständlichkeit.

Auch das ist nicht nur mein Reiseeindruck. Im ruandischen Abgeordnetenhaus sind derzeit 63,75 Prozent der Abgeordneten Frauen. Aber beeindruckender als Alter, Geschlecht oder Lebensläufe war für mich etwas anderes.

Die Grundhaltung: Überall hatte ich das Gefühl, auf Menschen zu treffen, die davon ausgehen, dass ihr Land in zwanzig Jahren besser dastehen wird als heute. Menschen, die ihre Zukunft nicht primär als etwas betrachten, das ihnen widerfährt, sondern als etwas, das sie gestalten können.

Vielleicht war das sogar mein stärkster Eindruck dieser Reise: Die besten Tage liegen noch vor uns.

Und dann waren da wir Deutschen

Es gab nämlich eine Gruppe, die während dieser Tage erstaunlich zuverlässig Probleme entdeckte.

Uns.

Wir wollten wissen, ob die digitalen Prozesse wirklich funktionieren. Ob die ehrgeizigen Pläne realistisch sind. Wo die Risiken liegen. Was passiert, wenn dieses oder jenes schiefgeht. Ob ein Geschäftsmodell tatsächlich skalieren kann. Ob eine Genehmigung wirklich so schnell erteilt wird.

Das sind keine falschen Fragen. Im Gegenteil. Skepsis ist wichtig, gerade wenn man in wenigen Tagen ein Land gezeigt bekommt und naturgemäß nur einen Ausschnitt sieht. Aber irgendwann musste ich darüber schmunzeln.

Auf der einen Seite saßen Menschen aus einem Land, das 1994 buchstäblich am Abgrund stand und sich heute das Ziel setzt, bis 2050 ein High-Income Country zu werden. Auf der anderen Seite saßen wir Deutschen und erklärten ihnen, was dabei alles schwierig werden könnte. Vielleicht sagt das auch etwas über uns.

Natürlich ist Ruanda keine Utopie

Bei aller Begeisterung wäre es falsch, aus fünf intensiven Tagen eine abschließende Bewertung eines Landes abzuleiten.

Ruanda hat große wirtschaftliche und soziale Herausforderungen. Und sein politisches System wird international durchaus kritisch beurteilt. Menschenrechtsorganisationen werfen der Regierung unter anderem Einschränkungen der Presse-, Meinungs- und Oppositionsfreiheit vor. Diese Seite gehört genauso zur Realität des Landes wie die wirtschaftliche Dynamik, die wir erlebt haben.

Auch beim Thema Korruption wäre „gibt es nicht“ die falsche Schlussfolgerung. Bemerkenswert ist allerdings, dass Ruanda im Corruption Perceptions Index 2025 von Transparency International mit 58 Punkten auf Rang 41 von 182 Ländern liegt – gemeinsam mit Botswana das beste Ergebnis auf dem afrikanischen Festland. Deutschland liegt zum Vergleich auf Rang 10.

Fünf Tage geben Einblicke. Sie liefern keine vollständige Wahrheit. Aber sie können ausreichen, um die eigenen Gewissheiten infrage zu stellen.

Was ich aus Kigali mitnehme

Ich bin nicht mit dem Gedanken nach Ruanda geflogen, dort etwas für Deutschland zu lernen. Und ich halte auch wenig davon, einzelne Lösungen eines kleinen ostafrikanischen Landes einfach auf eine der größten Volkswirtschaften der Welt zu übertragen. Die Voraussetzungen sind völlig andere.

Trotzdem komme ich mit einer Frage zurück.

Wann haben wir eigentlich angefangen, zuerst darüber nachzudenken, warum etwas nicht funktionieren könnte?

Bei Zipline hätte man Dutzende gute Gründe finden können, warum autonome Fluggeräte mit Blutkonserven über ein afrikanisches Land fliegen keine gute Idee sind. Bei einer vollständig digitalen Verwaltung kann man sofort an Datenschutz, Zugangshürden und Sonderfälle denken. Bei ehrgeizigen Entwicklungszielen findet sich immer jemand, der erklären kann, warum sie unrealistisch sind.

All diese Einwände können berechtigt sein. Aber wenn sie immer am Anfang stehen, passiert irgendwann gar nichts mehr. Vielleicht hat mich deshalb weniger eine einzelne Technologie, ein Unternehmen oder ein Gebäude in Kigali beeindruckt. Es war die Haltung dahinter: Wir haben ein Problem. Wie lösen wir es?

Nicht: Wer ist zuständig? Nicht: Was könnte dagegen sprechen? Und auch nicht: Haben wir das schon einmal so gemacht?

Mein Impuls

Ich bin nach Ruanda gereist und habe erwartet, ein für mich weitgehend unbekanntes afrikanisches Land kennenzulernen.

Zurückgekommen bin ich mit einigen Fragen über Deutschland.

Wo ist unsere berechtigte Vorsicht inzwischen zu einer Gewohnheit geworden, die Fortschritt verhindert? Wo verwechseln wir Gründlichkeit mit der Fähigkeit, für jede Idee zunächst zehn Probleme zu finden? Und wann haben wir zuletzt auf eine große Herausforderung geschaut und nicht zuerst gefragt, warum sie schwierig ist, sondern wie wir sie lösen können?

Ich möchte Ruanda nach fünf Tagen nicht verklären. Dafür habe ich viel zu wenig vom Land gesehen. Aber eines habe ich dort gespürt, was mir bei uns manchmal fehlt:

Die feste Überzeugung, dass die Zukunft besser sein kann als die Gegenwart - wenn man sie gestaltet.

Was für eine Reise.

Über den Autor

Dr. Sebastian Tschentscher findet mit seiner Executive Search Boutique „Digital Minds“ die besten digitalen Köpfe für Ihr Unternehmen.

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