1. KI im Recruiting - nur anders als erwartet
Dass künstliche Intelligenz das Recruiting verändern würde, war schon lange absehbar. Ich habe dabei vor allem an die offensichtlichen Anwendungsfelder gedacht: bessere Suche, schnellere Recherche, Unterstützung bei der Vorauswahl und Bewertung von Kandidaten oder bei der Erstellung von Unterlagen. Das alles findet schon statt und ich nutze entsprechende Tools täglich bei meiner Arbeit.
Nun ist mir KI allerdings an einer Stelle begegnet, mit der ich so nicht gerechnet hatte: mitten im Bewerbungsgespräch.
Zum ersten Mal fiel es mir vor einiger Zeit in einem Videointerview auf. Ein Kandidat beantwortete meine Fragen ausführlich, strukturiert und sprachlich ausgesprochen sauber. Daran irritierte mich etwas. Die Antworten klangen ungewöhnlich formal und ein wenig so, als würden sie nicht in diesem Moment entstehen; eher wie abgelesen. Zunächst dachte ich mir nichts dabei. Irgendwann kam mir allerdings der Verdacht: Liest mein Gegenüber gerade Antworten vor, die ihm im Hintergrund von einer KI formuliert werden?
2. Wenn sich die Antwort in der Brille spiegelt
Seitdem ist mir dieses Phänomen mehrfach begegnet. Und offenbar nicht nur mir: Eine Ansprechpartnerin auf Kundenseite erzählte mir nach einem Interview mit einem meiner Kandidaten, dass sie beobachten konnte, wie sich in dessen Brille Text spiegelte, der sich auf dem Bildschirm vor ihm immer wieder neu aufbaute passend zu ihren Fragen. Das war vor allem deshalb erstaunlich, weil er sogar bei relativ allgemeinen Themen diese KI-Unterstützung nutzte, die eine Top-Führungskraft normalerweise souverän und jederzeit ohne groß nachzudenken beantworten können sollte und definitiv ohne KI-Tools.
In den letzten Wochen ist mir das dann häufiger aufgefallen, vor allem bei einer aktuellen Suche in den USA. Bei mehreren Interviews wirkten einzelne Antworten ungewöhnlich glatt und unnatürlich formuliert. Ich begann deshalb, mein Interviewverhalten zu verändern und stellte spontanere Nachfragen, wechselte schneller die Perspektive und versuchte, Fragen zu stellen, auf die unmittelbar reagiert werden musste. Teilweise funktionierte das. Teilweise blieb ich auch nach dem Gespräch unsicher: Habe ich gerade tatsächlich mit dem Kandidaten gesprochen oder zumindest teilweise mit seiner KI?
3. Der Test im persönlichen Gespräch
Bei einer Kandidatin wurde die Sache schließlich besonders kurios: Sowohl mein Kunde als auch ich hatten nach den Videointerviews unabhängig voneinander den Eindruck, dass manche ihrer Antworten abgelesen wirkten. Ganz sicher waren wir uns aber nicht. Und ein Verdacht allein sollte kein Grund sein, jemanden aus einem Auswahlprozess zu nehmen.
Als letzter Schritt war ohnehin ein persönliches Treffen im Office vorgesehen. Die Kandidatin erschien sehr früh und hatte ihren Laptop dabei. Gleich zu Beginn bat sie um Zugang zum WLAN. Die Office Managerin gab ihr das Passwort, weil sie davon ausging, dass die Kandidatin die Zeit bis zum Gespräch noch zum Arbeiten nutzen wollte.
Dann begann das Interview. Die Kandidatin stellte ihren kleinen Laptop relativ unauffällig vor sich auf und blickte während des Gesprächs nur gelegentlich darauf. Den Menschen, die mit ihr im Raum saßen, fiel zunächst nichts Besonderes auf. Einem Teilnehmer allerdings schon: Er war remote zugeschaltet, hatte vorher schon ein Interview mit derselben Kandidatin geführt und war daher besonders sensibel. Nach seinem Hinweis wurde allen klar, was gerade passierte: Die Kandidatin nutzte die KI auch im persönlichen Bewerbungsgespräch.
Sie wurde während des Gesprächs nicht darauf angesprochen, um sie nicht vor allen Beteiligten bloßzustellen. Im weiteren Auswahlprozess kam sie allerdings nicht mehr zum Zuge.
4. Was prüfen wir eigentlich noch?
Mich beschäftigt an dieser Geschichte weniger die Frage, ob ihr Verhalten richtig oder falsch war. Interessanter finde ich, was solche Möglichkeiten mit dem Instrument Interview machen.
Natürlich haben sich Kandidaten schon immer vorbereitet. Sie haben Antworten geübt, Freunde oder Coaches um Rat gebeten und sich Notizen gemacht. Und selbstverständlich spricht nichts dagegen, heute auch KI zur Vorbereitung zu nutzen. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Vorbereitung mit KI und Antworten durch KI.
Wenn ich einen Kandidaten frage, wie er einen Konflikt gelöst hat, warum er eine bestimmte Entscheidung getroffen hat oder wie er auf eine unerwartete Situation reagieren würde, interessiert mich, wie jemand denkt, erinnert, priorisiert und spontan Zusammenhänge herstellt. Wenn eine KI diesen Prozess in Echtzeit übernimmt, ist das Interview überflüssig.
5. Vielleicht müssen Interviews wieder unperfekter werden
Vielleicht müssen gute Interviews deshalb künftig noch stärker im Gespräch selbst entstehen. Nachfragen stellen. Einen Gedanken unerwartet vertiefen. Nach konkreten Situationen fragen. Bei allgemeinen Antworten um Details bitten. Widersprüche aufgreifen, um herauszufinden, wie der Mensch vor uns tatsächlich denkt und ob er überhaupt gerade selber denkt.
Vielleicht wird ein unfertiger Satz oder eine spontane Antwort künftig sogar wieder wertvoller. Gerade weil perfekte Antworten immer leichter zu erzeugen sind.
6. Mein Impuls
Wie würdest du reagieren, wenn du während eines Interviews bemerkst, dass dein Gegenüber seine Antworten in Echtzeit von einer KI formulieren lässt?
Wo verläuft für dich die Grenze zwischen legitimer Unterstützung und einer Verfälschung dessen, was ein Bewerbungsgespräch eigentlich beurteilen soll?
Und müssen wir unsere Interviews verändern, wenn perfekte Antworten immer weniger darüber aussagen, wer sie tatsächlich formuliert hat?
KI wird das Recruiting verändern. Das wussten wir. Dass wir aber im Bewerbungsgespräch nicht mehr sicher sein können, mit wem wir eigentlich sprechen, hatte zumindest ich so nicht erwartet. Jedenfalls nicht so schnell.