1. Ein Beitrag über Fehler
Vor ein paar Tagen ist in der ZEIT ein Beitrag erschienen, in dem drei Menschen über größere Fehler in ihrem Berufsleben berichten.
Einer davon bin ich.
Ich habe von einer Managemententscheidung erzählt, die ich heute anders treffen würde. Von Euphorie, zu optimistischen Wachstumsannahmen und davon, das s am Ende Menschen ihren Arbeitsplatz verloren haben. Meinen Teil des Artikels hab e ich vor der Veröffentlichung gelesen und freigegeben. Ich stehe zu jedem Wort.
Dann erschien der Beitrag. Die Überschrift lautete: „Ich war mir sicher: Dafür komme ich ins Gefängnis.“ Diesen Satz hatte allerdings nicht ich gesagt. Er stammt aus einer der beiden anderen Geschichten.
2. Alles richtig und trotzdem ein falscher Eindruck?
An der Überschrift ist faktisch nichts falsch. Der Satz wurde tatsächlich von einer Person im Artikel gesagt. Trotzdem fühlte ich mich damit unwohl.
Denn wer die Überschrift sieht und anschließend meinen Namen im Zusammenhang mit dem Artikel, kann leicht eine Verbindung herstellen, die es nicht gibt. Und wer den vollständigen Artikel nicht liest oder wegen der Bezahlschranke nicht lesen kann, hat möglicherweise keine Möglichkeit, diesen Eindruck wieder zu korrigieren.
Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, warum mich das eigentlich so beschäftigt. Denn es wurde mir nichts Falsches zugeschrieben und auch mein eigener Text war korrekt wiedergegeben. Vielleicht liegt genau darin die interessante Frage: Reicht es für gute Kommunikation, dass alles, was wir sagen, faktisch richtig ist?
3. Auch eine wahre Aussage kann etwas Falsches vermitteln
Im Management begegnet uns dieses Problem ständig: Wir präsentieren eine Zahl, die vollkommen korrekt ist, lassen aber die Vergleichszahl weg, die sie in einem anderen Licht erscheinen lassen würde. Oder wir kündigen eine Reorganisation als „nächsten Entwicklungsschritt“ an, obwohl im Raum längst jeder weiß, dass es vor allem darum geht, Kosten zu reduzieren.
Keiner dieser Sätze muss falsch sein. Und trotzdem kann die Botschaft, die beim Empfänger ankommt, eine andere sein als die, die wir vermeintlich ausgesprochen haben. Kommunikation besteht eben nicht nur aus einzelnen richtigen oder falschen Aussagen. Sie entsteht aus Worten, Kontext, Auslassungen und der Art, wie Menschen all das miteinander verbinden.
4. Sender und Empfänger tragen nicht dieselbe Verantwortung
Natürlich lässt sich dieser Gedanke nicht beliebig weit treiben. Niemand kann kontrollieren, was andere Menschen aus einer Aussage machen. Menschen missverstehen Dinge, interpretieren sie aufgrund eigener Erfahrungen unterschiedlich oder hören manchmal schlicht das, was sie hören wollen.
Aber gerade Führungskräfte machen es sich aus meiner Sicht zu einfach, wenn sie sich ausschließlich darauf zurückziehen, etwas doch „genau so gesagt“ oder eben „nie so gesagt“ zu haben. Denn wer kommuniziert, trägt zumindest eine gewisse Verantwortung dafür, vorherzusehen, was beim Gegenüber wahrscheinlich ankommen wird.
Das ist gerade bei einem Macht- oder Informationsgefälle wichtig. Eine Führungskraft kennt häufig mehr Hintergründe als ihre Mitarbeitenden. Was für sie aufgrund dieses Wissens eindeutig erscheint, kann beim Gegenüber eine völlig andere Bedeutung bekommen.
5. Wahrheit braucht Kontext
Vielleicht ist deshalb die Frage vor einer wichtigen Kommunikation nicht nur: Ist das, was ich sage, richtig? Mindestens ebenso wichtig sind andere Fragen: Welcher Eindruck wird dadurch wahrscheinlich entstehen? Welche Information fehlt meinem Gegenüber, um meine Aussage richtig einordnen zu können? Und würde ich die Botschaft immer noch für fair halten, wenn ich nur das wüsste, was der Empfänger weiß?
Das macht Kommunikation anstrengender. Denn dann reicht es nicht mehr, einzelne Sätze auf ihre faktische Richtigkeit zu überprüfen. Man muss versuchen, die eigene Botschaft für einen Moment aus der Perspektive des anderen zu betrachten. Genau das habe ich durch den ZEIT-Artikel selbst noch einmal erlebt.
6. Mein Impuls
Wie häufig überprüfst du bei wichtigen Botschaften nicht nur, ob deine Aussagen richtig sind, sondern auch, welcher Eindruck durch sie entsteht?
Hast du schon einmal etwas gesagt, das faktisch vollkommen korrekt war und trotzdem beim Gegenüber etwas ganz anderes ausgelöst hat?
Und wo verläuft für dich die Grenze zwischen der Verantwortung des Senders für eine klare Kommunikation und der Verantwortung des Empfängers für seine Interpretation?
Denn gute Kommunikation braucht Wahrheit. Aber Wahrheit allein reicht manchmal nicht. Sie braucht auch Kontext.