1. Eine Suche, die anders war als alle vorherigen
In meinen inzwischen fast neun Jahren im Executive Search habe ich überwiegend Unternehmen im deutschsprachigen Raum bei der Suche nach Führungskräften unterstützt. Kandidaten kommen zwar durchaus auch aus dem europäischen Ausland, aber selten aus den USA oder Asien. Deshalb höre ich zwar häufig, wie wichtig kulturelle Unterschiede in der Führung internationaler Teams seien. Wirklich erlebt habe ich sie in meiner täglichen Arbeit jedoch eher selten.
Das änderte sich vor kurzem: Für einen Kunden habe ich eine Executive-Search in den USA für deren dortige Niederlassung übernommen. Natürlich hatte ich mit Unterschieden gerechnet. Wie deutlich sie ausfallen würden, hat mich dann aber doch überrascht.
2. Eine Absage als positive Erfahrung
Wie bei jeder Suche habe ich alle eingehenden Bewerbungen persönlich gelesen, bewertet und beantwortet. Auch diejenigen, bei denen ich leider absagen musste. Was mich überraschte: Etliche Kandidatinnen und Kandidaten bedankten sich ausdrücklich für die Rückmeldung, manche sogar fast überschwänglich. Nicht für das Gespräch. Nicht für die Chance. Sondern für die Absage.
Erst dadurch wurde mir bewusst, dass viele von ihnen es gewohnt sind, nach einer Bewerbung oder sogar nach einem Interview überhaupt nichts mehr vom Unternehmen oder Personalberater zu hören. Eine kurze Rückmeldung ist dort offenbar längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Einige schrieben mir sogar genau das: "! I appreciate the message. Very thoughtful in today's wild world of job seeking."
3. Zwei Wochen statt sechs Monate
Ein zweiter Unterschied fiel mir ebenfalls sofort auf. Während ich im deutschsprachigen Raum regelmäßig mit Kündigungsfristen von drei oder sogar sechs Monaten arbeite, sind in den USA zwei Wochen normal.
Für Unternehmen bedeutet das deutlich mehr Geschwindigkeit. Neue Mitarbeitende können kurzfristig beginnen, Teams verändern sich schneller und Karrieren verlaufen dynamischer.
Der Arbeitsmarkt wirkt insgesamt deutlich beweglicher als der europäische.
4. Auch die Gespräche fühlen sich anders an
Überrascht haben mich schließlich auch die Interviews selbst: Ich gehe mit Kandidatinnen und Kandidaten immer ausführlich den Lebenslauf durch. Mich interessieren nicht nur Stationen und Verantwortlichkeiten, sondern auch Beweggründe, Lernprozesse und persönliche Entwicklungen.
Mehrfach hatte ich den Eindruck, dass meine Gesprächspartner mit dieser Art von Fragen gar nicht gerechnet hatten. Sie wirkten überrascht, zum Teil sprachlos. Nicht, dass sie keine Antworten hätten; sie waren offenbar von anderen Interviews gewohnt, dass diese deutlich stärker auf die wichtigsten Eckdaten fokussiert sind und nicht weiter in die Tiefe gegangen wird.
5. Arbeitsmärkte prägen Kultur
Ich möchte keine dieser Unterschiede bewerten. Jeder Arbeitsmarkt entwickelt seine eigene Dynamik - mit Vor- und Nachteilen.
Spannend finde ich vielmehr, wie stark die Rahmenbedingungen das Verhalten der Menschen prägen. Kündigungsfristen beeinflussen Wechselbereitschaft. Recruiting-Prozesse verändern Erwartungen. Und Interviewkulturen bestimmen, wie Menschen über ihre Karriere sprechen.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Erkenntnis: Arbeitsmärkte haben ihre eigene Kultur.
Und weil vieles, was aus den USA kommt, einige Jahre später auch Europa erreicht, frage ich mich, ob wir nicht bereits erste Anzeichen einer ähnlichen Entwicklung beobachten. Gerade bei jüngeren Kandidatinnen und Kandidaten erlebe ich heute deutlich häufigere Stellenwechsel und kürzere Verweildauern als noch vor wenigen Jahren.
6. Mein Impuls
Welche Unterschiede hast du zwischen verschiedenen Arbeitsmärkten oder Unternehmenskulturen erlebt?
Wäre es aus deiner Sicht bedenklich, wenn wir eine "Amerikanisierung" des deutschen und europäischen Arbeitsmarktes erleben oder ist es sogar das, was uns fehlt?
Und welche Entwicklungen, die heute noch typisch amerikanisch erscheinen, könnten in einigen Jahren auch bei uns selbstverständlich sein?