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Fragenstellen und Zuhören - zwei Superkräfte unserer Zeit

1. Ich bin hauptberuflich Zuhörer

Wenn mich jemand fragt, was ich beruflich eigentlich den ganzen Tag mache, lautet die ehrliche Antwort: Ich stelle Fragen und höre zu.

Kandidatinnen und Kandidaten frage ich nach ihrem beruflichen Werdegang, ihren Erfolgen, ihren Rückschlägen und ihren Zielen. Unternehmen frage ich, wen sie genau suchen, welche Herausforderungen zu bewältigen sind und welche Persönlichkeit zur Kultur passt.

Vieles davon klingt zunächst banal. Tatsächlich besteht meine Arbeit aber zu einem überraschend großen Teil aus Zuhören. Wenn ich meine Gespräche überschlage, spreche ich selbst wahrscheinlich nicht mehr als 25 Prozent der Zeit. Die restlichen 75 Prozent höre ich zu.

Auch privat geht es mir ähnlich. Ich interessiere mich für Menschen. Wie läuft es gerade beruflich? Was beschäftigt dich? Was läuft gut? Worüber machst du dir Gedanken? Welche Pläne hast du?

Für mich ist es selbstverständlich, viel zu fragen und sich zu interessieren. Vielleicht fällt mir gerade deshalb besonders auf, dass das bei vielen anderen offenbar nicht der Fall zu sein scheint.

2. Viele Menschen senden - aber nur wenige empfangen

Immer wieder sitze ich mit Menschen - virtuell oder persönlich - zusammen und führe lange Gespräche. Und nicht selten stelle ich am Ende fest: Mir wurde keine einzige Frage gestellt.

Natürlich gilt das nicht für enge Freunde oder die Familie. Aber außerhalb dieses Kreises erlebe ich es erstaunlich häufig: Menschen erzählen von ihrem Beruf, ihren Projekten, ihren Erfahrungen, ihren Meinungen. Das ist völlig legitim und es interessiert mich. Noch Interessanter wäre es jedoch, wenn das Gespräch nicht ausschließlich in eine Richtung verliefe.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass viele Menschen vor allem senden möchten, während die Fähigkeit zu empfangen immer seltener wird.

3. Die Aufmerksamkeit richtet sich zunehmend auf uns selbst

Der Philosoph Richard David Precht führt diese Entwicklung unter anderem auf das zurück, was er als kulturellen Kapitalismus beschreibt: Gemeint ist damit die Beobachtung, dass wir uns zunehmend als individuelle Projekte verstehen. Wir möchten uns entwickeln, verwirklichen und optimieren. Jeder möchte die beste Version seiner selbst werden und nicht wenige wollen das entstandene Gesamtkunstwerk dann auch wie ein "Produkt" vermarkten.

Hinzu kommt die Logik sozialer Medien: Sichtbarkeit wird belohnt. Aufmerksamkeit wird zur Währung. Jeder hat die Möglichkeit, seine Gedanken, Meinungen und Erfolge öffentlich zu präsentieren. Die große Aufmerksamkeit erhalten bei Instagram und TikTok dann allerdings nur sehr wenige. Umso mehr wächst dann das Bedürfnis bei allen anderen, selbst gehört und gesehen zu werden. Das Interesse daran, andere wirklich zu verstehen, tritt leicht in den Hintergrund.

4. Zuhören wird im Beruf immer wichtiger

Besonders deutlich wird das in Führungsrollen: Vor kurzem erhielt ich nach einem Kandidateninterview eine interessante Rückmeldung von dem Unternehmen. Der Kandidat wurde - obwohl fachlich sehr überzeugend - als von der Persönlichkeit nicht passen abgelehnt. Ich fragte nach und bekam die Erläuterung: Als er gebeten wurde, sich vorzustellen, hielt er einen fast zwanzigminütigen Monolog. „Das passt nicht zu unserer Kultur. Wir suchen Führungskräfte, die empathisch sind, viel zuhören und andere einbeziehen.“

Gerade in einer immer komplexeren Arbeitswelt wird Zuhören wichtiger, nicht unwichtiger. Wer führen will, muss verstehen. Und Verstehen beginnt fast immer mit Fragen.

5. Warum Fragen oft wertvoller sind als Antworten

Vielleicht werden Fragen stellen und Zuhören deshalb zu einer Art moderner Superkraft: Wer gute Fragen stellt, lernt schneller. Wer zuhört, versteht Menschen besser. Wer sich wirklich für andere interessiert, baut tiefere Beziehungen auf - beruflich wie privat.

Und oft erfährt man gerade dann etwas Interessantes, wenn man selbst einmal weniger erzählt.

6. Mein Impuls

Bist du in Gesprächen mehr auf Sendung oder mehr auf Empfang gestellt?

Wann hast du zuletzt ein Gespräch geführt, in dem du wirklich neugierig warst?

Hörst du zu, um zu antworten oder um den anderen Menschen wirklich zu verstehen?

Vielleicht sind Fragen und Zuhören keine weichen Fähigkeiten. Vielleicht sind sie in einer Zeit permanenter Selbstdarstellung wichtiger denn je.

Über den Autor

Dr. Sebastian Tschentscher findet mit seiner Executive Search Boutique „Digital Minds“ die besten digitalen Köpfe für Ihr Unternehmen.

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