1. Die große Frage unserer Zeit
Kaum ein Thema wird derzeit intensiver diskutiert als künstliche Intelligenz und ihre Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Welche Berufe wird es in Zukunft noch geben? Welche Tätigkeiten lassen sich automatisieren? Und wofür braucht man überhaupt noch menschliche Arbeitskraft?
Besonders gefährdet erscheinen all jene Bereiche, in denen vor allem am Computer gearbeitet wird: Verwaltung, Marketing, Analyse, Kommunikation, Sachbearbeitung. Also überall dort, wo Informationen verarbeitet, Texte erstellt oder Entscheidungen vorbereitet werden. Manche gehen sogar davon aus, dass langfristig fast alles ersetzbar sein wird, außer vielleicht Tätigkeiten im Handwerk, in der Pflege oder überall dort, wo physische Präsenz und zwischenmenschliche Nähe unverzichtbar bleiben.
Vermutlich ist an vielen dieser Einschätzungen etwas dran. Und trotzdem möchte ich heute einmal ein leises Gegenargument formulieren.
2. Technologischer Fortschritt hat Arbeit selten einfach verschwinden lassen
Immer dann, wenn Maschinen in der Vergangenheit menschliche Arbeit effizienter gemacht oder ersetzt haben, wurde sofort prognostiziert, dass künftig kaum noch Menschen in dem betreffenden Bereich benötigt würden. Dieses Muster gab es schon oft.
Ein Beispiel ist die Automobilindustrie. Mit der zunehmenden Automatisierung und Massenproduktion entstand schon vor Jahrzehnten die Vorstellung, dass in Zukunft kaum noch Menschen für den Bau von Autos gebraucht würden. Tatsächlich übernehmen Maschinen heute viele Tätigkeiten, die früher manuell erledigt wurden. Und trotzdem arbeiten noch immer Hunderttausende Menschen in dieser Industrie. Nicht obwohl die Technologie sich weiterentwickelt hat, sondern gerade deswegen:
Neulich las ich dazu einen interessanten Gedanken: Würden wir heute exakt dieselben Autos bauen wie 1970, bräuchte man dafür tatsächlich kaum noch Menschen. Aber moderne Fahrzeuge bestehen längst nicht mehr nur aus Mechanik. Zehntausende Menschen arbeiten heute an Software, Sensorik, Benutzeroberflächen, Assistenzsystemen oder digitalen Diensten - Aufgabenbereiche, die es früher schlicht so nicht gab.
Der technische Fortschritt hat also Arbeit ersetzt und gleichzeitig neue Komplexität und damit neue Aufgaben geschaffen.
3. Effizienz verändert vor allem Erwartungen
Vielleicht liegt genau dort ein wichtiger Punkt, der in vielen KI-Debatten zu wenig betrachtet wird: Technologie macht Menschen produktiver. Aber Produktivität führt selten dauerhaft dazu, dass einfach weniger gearbeitet wird. Häufig steigen stattdessen die Erwartungen an Menge, Geschwindigkeit und Qualität.
Wenn früher jemand eine Woche an einer Präsentation gearbeitet hat, wird dieselbe Aufgabe heute vielleicht nur noch einige Stunden dauern. KI kann bei Recherche, Strukturierung, Visualisierung und Formulierung unterstützen. Das Ergebnis entsteht schneller und oft auch professioneller. Die Konsequenz ist aber meistens nicht, dass die Person den Rest der Woche frei hat.
Die Erwartung wird eher sein, dass nun deutlich mehr Präsentationen entstehen. Oder mehr Varianten. Oder schnellere Anpassungen. Oder umfangreichere Analysen. Was technisch möglich wird, verändert mit erstaunlicher Geschwindigkeit das, was Organisationen als normal betrachten.
4. Fortschritt erzeugt oft neue Arbeit statt weniger Arbeit
Ich glaube deshalb nicht, dass die entscheidende Frage lautet, ob KI Arbeit ersetzt. Natürlich wird sie das tun. Spannender ist aus meiner Sicht etwas anderes:
Welche neuen Erwartungen entstehen dadurch?
Denn jede neue technologische Möglichkeit erhöht meist auch den Anspruch an Unternehmen und Mitarbeitende. Kunden erwarten schnellere Reaktionen. Kommunikation wird unmittelbarer. Produkte werden individueller. Prozesse komplexer. Die Menge an Informationen wächst weiter. Und vieles, was vor wenigen Jahren noch als außergewöhnlich galt, wird innerhalb kurzer Zeit selbstverständlich.
Beispiele dafür erlebe ich jeden Tag: Die Case-Studies, die Kandidaten im Rahmen von Executive Searches gestellt werden, sind um ein vielfaches umfangreicher und komplexer als früher; weil bereits "eingepreist" ist, dass diese mit KI erstellt werden.
Ein befreundeter Anwalt ist durch KI viel effizienter, nimmt jetzt aber deutlich mehr Mandate an und arbeitet diese viel schneller ab - das erhöht die Erwartungen seiner Mandanten für den nächsten Fall etc.
Vielleicht ist genau das eines der großen Muster technologischer Entwicklung: Effizienz reduziert selten dauerhaft Arbeit. Sie verändert vor allem das Niveau dessen, was als angemessen gilt.
5. Mein Impuls
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber diskutieren, welche Arbeit verschwindet und mehr darüber, welche neuen Anforderungen entstehen, sobald Technologie Dinge einfacher und schneller macht.
Denn Fortschritt bedeutet selten, dass Menschen nichts mehr tun müssen. Meist bedeutet er, dass Menschen andere Dinge tun. Und dass das, was gestern noch als gute Leistung galt, morgen nur noch der Ausgangspunkt ist.